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Video-Filmkritik „Die geliebten Schwestern“ : Wem der große Wurf gelungen

Bild: Senator

Dominik Grafs „Die geliebten Schwestern“ zeigen einen verwegenen jungen Friedrich Schiller in seiner Zeit und in einem Liebesdreieck, das eine ganze Kunstepoche aufschlüsselt.

          5 Min.

          Dies ist der Film, den wir nach „Fack ju, Göhte“ gebraucht haben. Ein Schiller-Film! Im Kostüm und in Kulisse, an Orten, die eine Aura haben, als wäre tatsächlich das neunzehnte Jahrhundert noch nicht angebrochen, mit Darstellern, die Deutsch sprechen können, als käme es darauf an, und die aussehen, wie Menschen damals vielleicht ausgesehen haben, aber nicht ganz so.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit anderen, die Sächsisch mit Patina sprechen, mit Menschen, die Briefe hin- und herschicken, Geheimschriften erfinden, Frauen, die lachend über die Wiesen tollen und außer Briefen auch noch Romane schreiben, und mit einem jungen, genialen und selbstbewussten Dichter mittendrin, Schiller nämlich, der sich in dem Überangebot von Freude am Aufbruch, am Sommer und von Lust überhaupt nicht entscheiden kann und deshalb zwei Frauen liebt, zwei Schwestern, Caroline von Beulwitz, die ältere, verheiratete, und Charlotte von Lengefeld, die ledige, die er dann heiratet, ohne die andere zu verlassen.

          Mit zerschlissener Jacke

          Was ist das für eine Geschichte! Warum hat uns die niemand erzählt, als wir die ersten Strophen der „Glocke“ auswendig lernen mussten oder zum ersten Mal „Die Räuber“ sahen, jenes Theaterstück, dem Schiller die Verbannung verdankte? Die ihn dann durch Weimar führt. Dort sieht er am Fenster des Hauses der Frau von Stein, der Patentante von Charlotte von Lengefeld, diese Charlotte, und sie widerspricht ihm gleich, als er nach dem Weg fragt, was ihm gefällt, aber Frau von Stein meint, nur Dienstboten sprächen vom Fenster aus mit Männern auf der Straße. Noch dazu mit einem, dessen Jacke so zerschlissen ist wie die von Schiller.

          Charlotte kennt ihren Marktwert noch nicht, wie es in schöner Offenheit im Hause Stein heißt. Aber Charlotte, die bei Frau von Stein zur Hofdame ausgebildet werden und möglicherweise einen Mann finden soll, der auch für die Mutter sorgen kann, was im Augenblick der andere Schwiegersohn übernommen hat, der, den seine Frau Caroline mit Schiller betrügt - Charlotte also meint zwar, aus Berechnung zu heiraten sei Schicksal und Aufgabe einer Tochter aus gutem Hause, hätte aber nichts dagegen, wenn es ihr erspart bliebe. Und Liebe ins Spiel käme. Was in jenem Sommer 1788, in dem Dominik Grafs Film „Die geliebten Schwestern“ beginnt und lange verweilt, der Fall ist. Es ist einiges los in diesem Film, und ein Wort, das bei der Kombination von Kostüm, Klassik und Kulisse in den Gassen steht und wartet, aufgerufen zu werden, bekommt hier keinen Auftritt: gepflegt. Dieser Film ist alles Mögliche, aber gepflegt ist er nicht.

          Mit einem Überschuss an Leidenschaft

          Ein Segen für den Film, fürs Publikum und für die Klassik auch. Dominik Graf hat die „Geliebten Schwestern“ mit einem Überschuss an Leidenschaft für alles gedreht, was darin vorkommt - die Sprache, die Landschaften und Häuser, die Kleider und Frisuren, die Pferde und Kutschen, den Dreck und die Briefe, die Albernheiten, Katastrophen -, und vor allem für die Bewegungen von einem Ort zum anderen. Sie sind es, die dem Film eine ungeheure Dynamik geben und den Abstand zwischen damals und heute markieren.

          Der Weg, den ein Brief nimmt, vom Dienstmädchen oder einem Freund hin- und hergetragen. Der Weg der regulären Post, die mit der Kutsche transportiert wird, die bei schlechtem Wetter schon mal umkippt, wobei die Postsäcke im Matsch versinken. Die Wege der Menschen selbst, die tagelang reisen, um vergleichsweise kleine Strecken zurückzulegen, was den Herbergsleuten am Wegesrand Gelegenheit gibt, ihrerseits Nachrichten ins Land zu schicken, etwa wenn es Goethe ist, der da im Anmarsch ist. Goethe, den Graf mit ironischer Geste nur von hinten und fern zeigt, so, wie die Konvention es will, wenn es um Jesus geht, um Mohammed oder Hitler.

          Ein Bild vom Glück

          Bevor wir das erste Bild zu sehen kriegen, hören wir Pferdetrappeln, ein Husten, während der Vorspann beginnt. Die ersten Bilder zeigen Charlotte, die sich in Rudolstadt an der Saale nach Weimar aufmacht. Das Licht des frühen Herbstes scheint warm, Charlotte wirkt abwartend, als sie die Kutsche besteigt. Henriette Confurius spielt sie jungmädchenhaft mit einem Hang in die Melancholie hinein, und wenn sie gegen Ende des Films, als Graf die Figuren direkt in die Kamera sprechen lässt, uns unverwandt anschaut, sehen wir in diesem Gesicht, welchen Weg die Frauen von damals bis heute zurückgelegt haben.

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