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„Die Eiskönigin 2“ im Kino : Schneepferdchenwiehern und andere Tricks

Musik fließt majestätisch durch das Ganze; Elsas Arie „Into the Unknown“ überflügelt selbst den Welthit „Let it Go“ aus dem ersten Teil. Der Komponist Robert Lopez und seine Librettistin Kristen Anderson-Lopez legen es abermals darauf an, die Rodgers und Hammerstein des Computertrickmusicals zu werden. So trösten sie die Popmusik für den Verlust des vom Netz zerschnetzelten Albumformats mit neuen Großerzählbögen, weil sie wissen, dass dieser Trost der Grund für die Wiederkehr des Musicals im Kino ist, von „Les Misérables“ (2012) bis zu ihren eigenen Schneebeschwörungsopern. In einer erhabenen De-profundis-Verzweiflungsszene bekommt die Co-Heldin Anna diesmal sogar Gelegenheit, das ehrwürdige musikdramatische Stilmittel „Rezitativ“ zu erforschen. Technik und Magie des Films greifen auf solche Weise, wie bei Disney üblich, tief ins kulturgeschichtliche Gedächtnis, etwa nach einem „dänischen Autor“, den der Vater von Elsa und Anna in einer Rückblende liest, Hans Christian Andersen also, von dessen Eismärchen in den Elsa-und-Anna-Dramen nichts übriggeblieben ist als das Herz, also alles (hier hat Disney eindeutig dazugelernt: „Arielle, die Meerjungfrau“ aus dem Jahr 1989 war dem Vorlagenstoff oberflächlich näher, hatte aber weder erzählformal noch gar thematisch viel mit Andersens Hinterlassenschaft zu tun).

Das Erbe belebt den Rechner, der macht Filme draus: Kopfsteinpflaster wirft Wellen; die Nacken großer Monster gleichen Speck, den man zu Granit zusammengepresst hat; Schneeflocken tanzen Ballett mit dem von Liebesweh verstörten Waldläufer Kristoff und dem kleinen Feuergeist, der als Anime-Quasi-Pokémon in Richtung Weltmarkt zwinkert, da seit Makoto Shinkais „Your Name“ (2016) selbst China seine alte Zurückhaltung gegen das in Japan erfundene Anime-Design aufgegeben hat.

Disney: ein Imperium heutiger Kulturindustrie

Weil er solche Mittel führt wie Waffen, kann der Disneykonzern global Kinoketten die Abspielbedingungen diktieren. Mit dem Streaminganbieter „Disney+“ will er seine Integration von Produktion, Vertrieb und Verwertung ins nie Dagewesene vorantreiben. Er beschäftigt Armeen von Fachleuten wie jene Kelly Peña, die als „Kinderflüsterin“ mit den Kleinen einkaufen geht und das, was sie so rauskriegt, mit Personal in den Bereichen Anthropologie, Psychologie und Kulturkunde bespricht, während der Disney-Chef Bob Iger der „New York Times“ erklärt, man werde in Zukunft bei der Figurengestaltung und im Management mehr auf ethnische, religiöse, geschlechtersortierte und jede andere denkbare Vielfalt achten. Igers Firma hat sich die Digitalkonkurrenz Pixar unter den Nagel gerissen, das „Star Wars“-Imperium annektiert, die Marvel-Comics der Multiplex-Auswertung zugeführt und stopft seine Erzeugnisse voll mit „promotional tie-ins“ bei Autofirmen, Hygieneproduktherstellern, Google, McDonald’s, Lego und der ganzen Welt der Waren. Disney ist daher das aktuelle Weltwappen dessen, was Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vor rund achtzig Jahren „Kulturindustrie“ tauften. Weil diese Industrie aufs Monopol hinauswill, aber auch fortschrittliche Kundschaft mit Sinnangeboten bedient, schrieben Adorno und Horkheimer von „Aufklärung als Massenbetrug“.

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