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Video-Filmkritik „Die Agentin“ : Lebewohl, meine Spionin

Diane Kruger als Ex-Mossad Agentin Rachel in einer Szene des Films „Die Agentin“: Der Film brilliert – solange er bei ihr bleibt. Bild: dpa

In einer anderen Zeit wäre Diane Kruger eine der großen Königinnen der Leinwand gewesen. Heute bringt sie zumindest den mittelmäßigen Kinothriller „Die Agentin“ durch ihr Spiel zum Leuchten.

          3 Min.

          Wenn man auf die Karriere von Diane Heidkrüger alias Diane Kruger aus Algermissen bei Hildesheim zurückblickt, kommt man leicht auf den Gedanken, dass ihre besten Rollen noch vor ihr liegen. Die schöne Helena in „Troja“, die Spionin Bridget von Hammersmark in „Inglourious Basterds“, die einsame Marie Antoinette in „Lebewohl, meine Königin!“, die große Schwester aus Paris in „Barfuß auf Nacktschnecken“ – das kann nicht alles gewesen sein, nicht einmal die Hälfte von allem, höchstens ein Vorgeschmack auf das, was noch in ihr steckt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber dann gab es ja noch die Witwe und Rächerin Katja in Fatih Akins „Aus dem Nichts“, dem einzigen Film bisher, der sich allein um sie drehte und niemanden sonst. Ein starker Auftritt, nur ohne starken Widerhall. Der Film, das stimmt, war ein Erfolg in Deutschland; überall sonst aber war er ein Achtungserfolg, was bedeutet, dass ihn niemand gesehen hat.

          Früher Königin, heute Exil

          Nein, Diane Kruger ist größer als alles, was sie bislang gespielt hat. Sie ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem Marlene Dietrich geschnitzt war, die wie sie drei Sprachen fließend gesprochen und in drei Ländern gedreht hat, in Deutschland, Frankreich und Hollywood. Nur die Welt des Kinos, in der sich Marlenes Nachfolgerin bewegt, ist eine andere. Die Genres, in denen die Dietrich am hellsten geglänzt hat, Western und Melodrama, sind verblüht. Kein Weichzeichner verzaubert mehr die Züge von Diane Kruger, kein Studiolicht fällt sternengleich in ihre Augen. So geht sie ihren Weg als ein Star ohne Kult. Ihr Stil ist makellos, ihr Ausdruck unfehlbar, doch die Massenfilme haben keinen Platz für solche Perfektion, sie brauchen Alltagsgesichter, die dem digitalen Blendwerk nichts entgegensetzen. Früher wäre Diane Kruger eine Königin des Kinos gewesen. Heute ist es ihr Exil.

          In Yuval Adlers Film „Die Agentin“ spielt Diane Kruger eine Frau, die sich dem israelischen Geheimdienst Mossad für einen Einsatz in Iran zur Verfügung stellt. Ihre Rachel kommt aus dem Nichts, als sie die Bühne der Geschichte betritt, sie lässt sich anwerben, ohne dass man genau verstünde, warum, und etwas von dieser Unbestimmtheit liegt über all ihren Handlungen in Adlers Film.

          Als Agentin aber funktioniert sie einwandfrei. Sie lässt sich als Englischlehrerin in Teheran nieder, macht den Chef eines Hightech-Unternehmens, das Bauteile für das iranische Atomprogramm liefert, zu ihrem Schüler, wird seine Geliebte und spioniert systematisch seine Firmengeheimnisse aus. Gleichzeitig spürt man, dass Farhad, der sie seiner Familie vorstellt und ihr teure Geschenke macht, sie selbst nicht kaltlässt, und irgendwann merkt es auch der Mossad. So wird Rachels Affäre zum Problem.

          Ein Versuchskaninchen namens Kruger

          Diane Krugers Aufgabe in „Die Agentin“ besteht darin, das Nebeneinander von emotionaler Intensität und professioneller Kälte, das ihre Figur auszeichnet, glaubhaft zu machen, und sie bewältigt sie grandios. Die Aufgabe der Regie hingegen hätte darin bestanden, diesem gelebten Widerspruch einen überzeugenden Rahmen zu geben, und daran ist Yuval Adler (dessen Erstling „Bethlehem“ vor sechs Jahren ins Kino kam) in dieser deutsch-französisch-israelisch-amerikanischen Koproduktion leider gescheitert.

          Die Vorlage, ein Roman des Mossad-Veteranen Yiftach Reicher-Atir, ist aus der Perspektive von Rachels Führungsoffizier erzählt, ein konventionelles, aber wirksames literarisches Stilmittel. Indem Adler diese Erzählhaltung in seinen Film übernimmt, raubt er seiner Heldin jede Freiheit. Sie wird zum Versuchskaninchen, ihr Handeln zum Planspiel des Apparats. Anders als in den „Bourne“-Filmen wird die Geschichte nicht entwickelt, sondern bloß rekapituliert. Alles, was geschieht, ist schon geschehen, ist Vergangenheit.

          Am besten ist der Film, wenn er ganz bei Diane Kruger bleibt. Dann verbindet sich die Einsamkeit ihrer Figur mit der autistischen Eleganz ihres Spiels. In einer Szene lässt sie sich nachts in der Firma ihres Geliebten einschließen, um in dessen Zentralcomputer zu gelangen, wird ertappt und kann sich nur durch eine Notlüge befreien. Um ihre Spuren zu verwischen, muss sie den Wachmann töten, der sie gesehen hat.

          Der Augenblick, in dem sie ihm die Spritze verabreicht, die ihn umbringt, ist ein Stück angehaltene Zeit, er vermittelt eine Ahnung davon, was dieser Film hätte sein können, wenn sein Stoff in andere Hände gelangt wäre. Danach geht „Die Agentin“ noch eine knappe Kinostunde weiter, aber eigentlich hat man genug gesehen. Die Schauspielerin Diane Heidkrüger aus Algermissen kann noch viele solcher Filme drehen, ohne dass ihre Karriere Schaden nimmt. Der Star Diane Kruger aber braucht einen anderen Auftritt im Kino, um so zu leuchten, wie nur sie es vermag.

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