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„1917“ in der Video-Filmkritik : Eine Kriegserzählung in Echtzeit

Bild: Universal Pictures

Nominiert für zehn Oscars: „1917“ von Sam Mendes zeigt den Ersten Weltkrieg auf die einzige Art, die nach den immer enger am Stereotyp orientierten Versuchen der jüngsten Kino-Vergangenheit noch in Frage kam.

          4 Min.

          Eine Wiese in Flandern, ein Frühlingstag, zwei Soldaten unter einem Baum. Einer empfängt einen Befehl: „Nehmen Sie Ihre Sachen, wählen Sie einen Mann aus, der Sie begleitet.“ Er weckt den Mann neben sich. Gemeinsam gehen sie zu einem Unterstand, wo ihnen ein General den Auftrag erteilt, durch das Niemandsland auf die deutsche Seite der Front bei Arras vorzustoßen, um ein britisches Regiment, in dem der Bruder des ersten Mannes dient, von einem selbstmörderischen Angriff abzuhalten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sie laufen durch ein Labyrinth aus Schützengräben, bis sie eine befestigte Kuppe erreichen, hinter der sich das Höllenreich der Stacheldrähte, Granattrichter und verwesenden Leichen erstreckt. Ein Offizier mit glasigem Blick segnet sie mit Whisky aus einer Feldflasche. Sie klettern den Grabenrand hinauf. Jetzt, denkt man, müsste die Kamera sich von ihnen abwenden und das Schlachtfeld von oben zeigen. Aber sie bleibt bei ihnen. Sie lässt sie nicht los, die ganzen zwei Stunden lang.

          Die Heldenepen sind schwer zu ertragen

          Über den Realismus von Kriegsfilmen wird immer wieder gestritten. Das hat auch damit zu tun, dass Kriegsdramen, anders als Science-Fiction- oder Fantasyfilme, sich tatsächlich auf eine Realität beziehen, die in Augenzeugenberichten und Bildern dokumentiert ist. In Kriegsfilmen, könnte man sagen, wird das Actionkino einem Wirklichkeitstest unterzogen. Es besteht ihn nur selten. Die vielgerühmten Heldenepen eines John Ford oder Sam Fuller sind heute schwer zu ertragen. Selbst „Apocalypse Now“ wirkt wie ein Museumsstück. Im Grunde beginnt die neuere Geschichte des Genres mit der Anfangssequenz von Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“, die von einem Mann handelt, der am D-Day am Omaha Beach landet und nicht weiß, wie ihm geschieht. Um ihn herum werden Menschen zerfetzt, ein Granateinschlag macht ihn taub, irgendwie gelingt es dennoch, die deutsche Verteidigung zu überwinden, aber mit militärischer Planung oder gar mit Heldentum hat das alles nichts zu tun.

          Der Erste Weltkrieg spielt unter den Stoffen des Kriegskinos eine Sonderrolle. Wenn man von ihm spricht, sieht man ihn vor sich: Gräben, Drähte, Schlammtrichter, darüber ein Doppeldecker. Vor einem Jahr hat der Australier Peter Jackson in seiner Dokumentation „They Shall Not Grow Old“ versucht, dieses Klischee aufzubrechen und von einem Trauma zu erzählen, das eine ganze Generation von Männern im zwanzigsten Jahrhundert geprägt hat. Aber am Ende bestätigte Jacksons Film nur, was wir aus anderen Filmen wussten: dass die Soldaten verstört und verwandelt aus dem Krieg zurückkehrten – und dass die Ursache dieser Verwandlung allenfalls in Bruchstücken erahnt, aber von keinem, der nicht dabei war, je nachvollzogen werden kann.

          Sie stolpern blindlings durch die Trichterwüste

          Zu behaupten, dass Sam Mendes mit „1917“ einen neuen Anlauf unternimmt, den Ersten Weltkrieg im Kino zu zeigen, wäre eine Untertreibung. In Wahrheit unternimmt der Film den einzigen Anlauf, der nach den immer stereotyperen Versuchen der jüngsten Vergangenheit (zu denen auch Spielbergs „War Horse“ gehört) noch in Frage kam. Niemand will noch einen Grabenkriegsfilm sehen. Also blieb Mendes nur der Sprung in den Graben. Das Eintauchen in die Realfiktion. Die Kriegserzählung in Echtzeit.

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