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„Der dunkle Turm“ im Kino : Schüsse durch die Leinwand

Ein paar der üblichen Bekloppten streiten (vor allem im Internet, wo sonst?) derzeit darüber, ob Elba als schwarzer Mann die richtige Besetzung für die Roland-Rolle ist, wo diese Figur doch in Michael Whelans klassischen „Dark Tower“-Illustrationen wie ein weißer Westernheld aussieht.

Dabei passt schlicht nichts so gut zu Kings obsessiver, proteisch-palimpsesthaft das Vorhandene umschreibender Auseinandersetzung mit dem Typenbestand der Kulturindustrie und ihrer Genres wie die durch diese Castingentscheidung erzwungene Konfrontation der im Western zum Männerbild geronnenen inhumanen Populärgeschichte von der Eroberung der Wildnis (und der Wilden) durch den weißen Mann (und seine schwarzen Sklaven) mit einer Erinnerung daran, dass die Geschichte des wirklichen Westens keineswegs bloß eine betuliche Ergänzung durch Entschädigungsrepräsentationsgeschenke für die Unterdrückten, Ausgebeuteten, Ausgeschlossenen und Eingesperrten braucht, damit alles wieder gut wird. In Wahrheit muss die Geschichte dieser Unglücklichen im Zentrum jeder nicht nur wissenschaftlich, sondern auch ästhetisch selbsterkenntnisstiftenden historischen Erzählarbeit dieses Westens stehen, wenn Erzählen mehr sein soll als Lügen. Ein weißer Zauberer tötet den schwarzen Edelmann, dessen Sohn ihn rächen muss: Ob Idris Elba der Richtige ist, Roland Deschain zu verkörpern, muss nicht mehr fragen, wer den Film gesehen hat, denn genau so, im Zorn zurückhaltend und im verwundeten Pathos unüberwindlich, wie Elba die Rolle anlegt, will sie gespielt werden.

Abschweifung wäre Vertiefung gewesen

Nicht nur schauspielerisch heißt „verfilmen“ oft, bereits vorhandene filmische Qualitäten eines Textes freizulegen, statt ihm welche aufzusetzen. Wenn eine Frauenstimme bei Arcel sagt: „The man in black fled across the desert, and the gunslinger followed“ erkennt man, dass dieser Auftaktsatz von Kings Magnum Opus schon immer eine Filmerzählstimme sein wollte. Und wenn Roland und Jake unter einer Anzeigetafel ihrem nächsten Abenteuer entgegengehen, die eine Spaghettiwesternvorführung ankündigt, ist das nicht Kinokoketterie, sondern purer King, denn der hat sich immer wieder zum Filmischen bekannt wie zu EC-Horrorcomics oder Radiodramen, zu Anregungen im Außerliterarischen, die man ihm von übelwollender Seite als literaturfremde Marotten vorgeworfen hat, anstatt zu begreifen, dass einer, der die ausschweifendste „portal fantasy“ aller Zeiten schreibt, anders gar nicht arbeiten könnte. „Portal“ bedeutet bei King letztlich narrative Transferpraxis zwischen Comic, Radio, Kino und gedrucktem Wort, weshalb man bedauern mag, dass der einzige Punkt, in dem Arcels Film seine Loyalität zu King nicht durchhält, gerade ein erzählökonomischer ist: Das Drama hätte länger, breiter sein dürfen, ja müssen.

Es war wohl die Produzentenhand, die da eingegriffen hat, vielleicht aus der nicht völlig verfehlten Überzeugung, dass der Hang zur Überlänge bei Großproduktionen in den letzten Jahren Seuchenausmaße angenommen hat. Bei Peter Jacksons „Herr der Ringe“ war das großzügige Zeitbudget indes goldrichtig (beim „Hobbit“ schon weniger), und beim „Dunklen Turm“ hätte es nicht geschadet. Abschweifung wäre Vertiefung gewesen.

Das Gezeigte ist wahr

Als Zehnjähriger, so hat King oft berichtet, saß er im Kino bei „Earth Vs. The Flying Saucers“, als der Vorführer den Film unterbrach, das Licht einschaltete und bekanntgab, die Russen hätten soeben einen künstlichen Erdbegleiter ins All geschossen.

So ist das mit dem Kino und der Wirklichkeit: Ein Junge in Johannesburg oder ein Mädchen in Tokio werden „The Dark Tower“ im Kino sehen und, wie King als Kind, erkennen, dass bei der Projektion die Wand scheinhaft ist und das Gezeigte wahr. Als Erwachsene, als Künstlerin und Künstler, werden sie dann vielleicht tun, was King getan hat: Türen öffnen, wo Wände waren.

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