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Video-Filmkritik : Nicht jedes Werkzeug ist ein Hammer

Bild: Sony Pictures

Was macht man mit Außerirdischen, deren Sprache man nicht versteht? Und was, wenn man plötzlich das Wort „Waffe“ zu verstehen meint? „Arrival“ von Denis Villeneuve ist ein Film für Leute, die denken und schauen.

          4 Min.

          Wir können uns nur vorstellen, was wir auch formulieren können. Die Grenzen unserer Sprache markieren die Grenzen unseres Bewusstseins. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn wir eine Sprache erlernen könnten, die das Universum mit seinen Parametern von Raum und Zeit anders strukturiert, sähen wir unsere Welt als eine andere, weil wir anders dächten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie wird aus diesem Befund eine Geschichte? Nachlesen lässt sich das bei Ted Chiang, unter anderem in seiner Kurzgeschichte „Story of Your Life“. Sehen können wir es ab Donnerstag in Denis Villeneuves Verfilmung der Chiang-Story (adaptiert von Eric Heisserer) unter dem Titel „Arrival“ im Kino. Wobei Chiang nicht unsere Schrift und Villeneuve auch nicht das Filmen völlig neu erfinden können. Wir sollen ja verstehen, worum es geht, und ein wenig konnten wir an anderen Beispielen auch schon üben, bei Kubrick etwa oder Shane Carruth.

          Das Militär braucht Hilfe

          Dennoch bleibt die Tatsache, dass ein Film nicht kugelförmig daherkommen kann, obwohl es in diesem Fall vielleicht hilfreich wäre. Denn die Sprache, um die es in „Arrival“ geht, bezeichnet Erfahrungen und Weltbilder, die nicht linear organisiert sind. Das bedeutet, Vergangenheit und Zukunft sind Teile der Gegenwart. Das wiederum verändert grundlegend unser Verständnis von Leben und Tod, was für eine Frau, die ihre Tochter verloren hat, eine wunderbare Perspektive ist.

          Was geschieht? Ein Raumschiff landet auf der Erde. Nein, nicht ein Raumschiff: zwölf Raumschiffe. Sie lassen sich überall auf der Welt zwischen China und Sierra Leone nieder, in Russland auch und im amerikanischen Montana. Dort entfaltet sich unsere Geschichte, und sie geht so: Das Militär in Gestalt von Colonel Weber, gespielt von Forest Whitaker, rekrutiert die Linguistin Louise Banks, um mit der Besatzung des Montana-Raumschiffs ins Gespräch zu kommen. Es gab einen ersten Kontakt, den Weber auf Tonband aufgezeichnet hat, aber auch Dr. Banks kann sich keinen Reim auf die Geräusche machen. Seit ihre Tochter tot ist, lebt sie allein an einem See. Sie unterrichtet an der örtlichen Universität, scheint aber eine Einzelgängerin zu sein. Ihr zur Seite gestellt wird der Physiker Ian Donnelly, der die Sache von der mathematischen Seite aus betreuen soll und sie, als sie einander vorgestellt werden, mit dem Motto ihres Buchs begrüßt, das sie erst am Ende schreiben wird.

          Was zieht man nur an?

          Die Frage ist also nicht: Werden die Aliens, um die es sich fraglos handelt, auch wenn erst einmal niemand sie so nennt, die Welt erobern, oder wird die Welt sich zu verteidigen wissen? Die Frage ist: Können die Welten sich verständigen? Und wird Louise Banks den Kontakt herstellen können?

          Vorgelagert aber ist noch eine andere Frage. Was zieht man an, wenn man jemanden kennenlernen soll, von dem man gar nichts weiß? Dessen Sprache man nicht spricht und mit dem man nicht einmal dieselbe Luft atmet? Wahrscheinlich sind es sogar mehrere Fremde, die einen in dem Raumschiff, das aussieht wie ein auf der Spitze stehender riesiger Rugbyball mit flachem Rücken, erwarten. Das Militär, das in Garderoben- wie in Fragen der Weltenverständigung nicht ganz vorne dran ist, schreibt einen orangefarbenen Schutzanzug mit Helm und dicken Stiefeln vor, ein Mittelding zwischen Arktisexpeditionsausrüstung und Raumanzug. Das scheint auf den ersten Blick nicht die naheliegende Wahl. Die Fremden können ja gar nicht sehen, wer darin steckt!

          Zugang über die Schrift der Fremden

          In dem Anzug steckt Amy Adams in der Rolle der Louise Banks, und sie sieht das genauso. Als sie das Raumschiff der Fremden zum zweiten Mal betritt und merkt, dass sie keinerlei Fortschritte erzielt, schält sie sich aus dem unförmigen Anzug, nimmt den Helm ab und läuft auf die gläserne Wand zu, die sie von den langgliedrigen Gestalten mit den fünf Beinen aus dem All auf der anderen Seite der Glaswand trennt. Sie drückt ihre Hand ans Glas, und kurz darauf legt sich klatschend eine Alien-Hand von der anderen Seite neben ihre.

          „Eine angemessene Vorstellung“, nennt Louise das, und obwohl sie sich die Haare gerauft hatten, als sie sich auszog, sehen die Herren vom Militär es schließlich genauso. Ian Donnelly, den Jeremy Renner zurückhaltend und erwachsen mit einigem Humor spielt, ist sowieso hingerissen von dieser Frau, die er lange zu kennen meint, obwohl er sie gerade erst getroffen hat. Louise benutzt, was sie über Sprache weiß, um die Fremden verstehen zu lernen und sich ihnen verständlich zu machen. Ian benutzt mathematische Formeln. Sie sind ein brillantes Team. Und mit der Idee, nicht die Sprache selbst, die sie nicht verstehen und nicht in handliche Elemente zerlegen können, sondern die Schrift der Fremden zu entziffern zu versuchen, kommen sie gemeinsam einem Verständnis näher.

          Alles eine Frage der Übersetzung

          Das meiste, was in diesem Film „Aktion“ zu nennen wäre im Sinn von: Leute rennen herum, es wird geschossen, geschrieen, geraubt, die Polizei greift ein - spielt sich im Fernsehen ab: in den Nachrichten von den anderen Landeorten, an denen ebenfalls Wissenschaftler daran arbeiten herauszufinden, was es mit den Raumschiffen und ihren Insassen auf sich hat. Was sie wollen, was sie erwarten, warum sie überhaupt da sind. In Sendungen mit Breaking news erfahren wir von Plünderungen, Fluchtbewegungen, Zusammenstößen zwischen verschiedenen Gruppen. Aber in Montana, wo wenige Menschen leben und die wenigen offenbar friedlich sind, passiert nichts Vergleichbares. Am Ende ist es ein Wettlauf mit der Zeit, die Sprache zu entschlüsseln. Denn es scheint ein Missverständnis zu geben, das die Chinesen wörtlich und zum Anlass weitreichender Kriegspläne nehmen.

          Alles eine Frage der Übersetzung. „Waffe“ etwa ist ein gefährliches Wort. „Wähle Waffe“ - bedeutet das eine Kriegserklärung? Muss auf diesen Satz mit Bomben und Artillerie geantwortet werden? Oder ist eine Waffe in der Alien-Sprache gar keine Waffe?

          Ein Sog in eine andere Welt

          Wenn man einem Affen zum Beispiel nur ein Werkzeug gibt, und das ist ein Hammer, ist alles andere: Nägel. So versucht Agent Halpern, von Michael Stuhlbarg als eine Art bad cop dem good cop Whitacker gegenübergestellt, sich die Sache zu erklären, obwohl er unbedingt dafür ist, das Ganze nicht allzu genau zu nehmen und sicherheitshalber die Raumschiffe an all ihren Standorten in der Welt zu Staub zu bomben. Falls das gelänge, was keineswegs ausgemacht ist.

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          Die „Waffe“ ist am Ende etwas viel Größeres. Eine Sprache, in der wir wissen, wann wir (und unsere Liebsten) sterben werden. Aber deren Tod ist nicht das Ende zwischen uns und ihnen. Als hätte jeder von uns einen Klumpen Zeit, der sein Leben ist, und in diesem Klumpen mischen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, bis der Klumpen völlig ausgefüllt ist. Ist eine solche Vorstellung nicht ein riesiges Geschenk?

          Der Kameramann Bradford Young hat den Film mit angemessener Melancholie in grau-graues Licht getaucht, in dem die hoch aufgerichteten pechschwarzen Raumschiffe in ihrer elliptischen Form monolithartig zwischen Himmel und Erde zu schweben scheinen. Es ist ein verführerisches Licht, ein Sog in eine andere Welt - nicht weit weg von unserer, sondern eine neue Dimension in ihr. Wenn man die Sprache beherrscht, um sie wahrzunehmen.

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