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Video-Filmkritik : Nicht jedes Werkzeug ist ein Hammer

Bild: Sony Pictures

Was macht man mit Außerirdischen, deren Sprache man nicht versteht? Und was, wenn man plötzlich das Wort „Waffe“ zu verstehen meint? „Arrival“ von Denis Villeneuve ist ein Film für Leute, die denken und schauen.

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          Wir können uns nur vorstellen, was wir auch formulieren können. Die Grenzen unserer Sprache markieren die Grenzen unseres Bewusstseins. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn wir eine Sprache erlernen könnten, die das Universum mit seinen Parametern von Raum und Zeit anders strukturiert, sähen wir unsere Welt als eine andere, weil wir anders dächten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie wird aus diesem Befund eine Geschichte? Nachlesen lässt sich das bei Ted Chiang, unter anderem in seiner Kurzgeschichte „Story of Your Life“. Sehen können wir es ab Donnerstag in Denis Villeneuves Verfilmung der Chiang-Story (adaptiert von Eric Heisserer) unter dem Titel „Arrival“ im Kino. Wobei Chiang nicht unsere Schrift und Villeneuve auch nicht das Filmen völlig neu erfinden können. Wir sollen ja verstehen, worum es geht, und ein wenig konnten wir an anderen Beispielen auch schon üben, bei Kubrick etwa oder Shane Carruth.

          Das Militär braucht Hilfe

          Dennoch bleibt die Tatsache, dass ein Film nicht kugelförmig daherkommen kann, obwohl es in diesem Fall vielleicht hilfreich wäre. Denn die Sprache, um die es in „Arrival“ geht, bezeichnet Erfahrungen und Weltbilder, die nicht linear organisiert sind. Das bedeutet, Vergangenheit und Zukunft sind Teile der Gegenwart. Das wiederum verändert grundlegend unser Verständnis von Leben und Tod, was für eine Frau, die ihre Tochter verloren hat, eine wunderbare Perspektive ist.

          Was geschieht? Ein Raumschiff landet auf der Erde. Nein, nicht ein Raumschiff: zwölf Raumschiffe. Sie lassen sich überall auf der Welt zwischen China und Sierra Leone nieder, in Russland auch und im amerikanischen Montana. Dort entfaltet sich unsere Geschichte, und sie geht so: Das Militär in Gestalt von Colonel Weber, gespielt von Forest Whitaker, rekrutiert die Linguistin Louise Banks, um mit der Besatzung des Montana-Raumschiffs ins Gespräch zu kommen. Es gab einen ersten Kontakt, den Weber auf Tonband aufgezeichnet hat, aber auch Dr. Banks kann sich keinen Reim auf die Geräusche machen. Seit ihre Tochter tot ist, lebt sie allein an einem See. Sie unterrichtet an der örtlichen Universität, scheint aber eine Einzelgängerin zu sein. Ihr zur Seite gestellt wird der Physiker Ian Donnelly, der die Sache von der mathematischen Seite aus betreuen soll und sie, als sie einander vorgestellt werden, mit dem Motto ihres Buchs begrüßt, das sie erst am Ende schreiben wird.

          Was zieht man nur an?

          Die Frage ist also nicht: Werden die Aliens, um die es sich fraglos handelt, auch wenn erst einmal niemand sie so nennt, die Welt erobern, oder wird die Welt sich zu verteidigen wissen? Die Frage ist: Können die Welten sich verständigen? Und wird Louise Banks den Kontakt herstellen können?

          Vorgelagert aber ist noch eine andere Frage. Was zieht man an, wenn man jemanden kennenlernen soll, von dem man gar nichts weiß? Dessen Sprache man nicht spricht und mit dem man nicht einmal dieselbe Luft atmet? Wahrscheinlich sind es sogar mehrere Fremde, die einen in dem Raumschiff, das aussieht wie ein auf der Spitze stehender riesiger Rugbyball mit flachem Rücken, erwarten. Das Militär, das in Garderoben- wie in Fragen der Weltenverständigung nicht ganz vorne dran ist, schreibt einen orangefarbenen Schutzanzug mit Helm und dicken Stiefeln vor, ein Mittelding zwischen Arktisexpeditionsausrüstung und Raumanzug. Das scheint auf den ersten Blick nicht die naheliegende Wahl. Die Fremden können ja gar nicht sehen, wer darin steckt!

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