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Video-Filmkritik „Dating Queen“ : Feinfühlige Männer, rotzige Frauen

Bild: F.A.Z., Universal

Die amerikanische Komikerin Amy Schumer hat ein autobiographisches Drehbuch geschrieben – und spielt sich selbst als promiskuitive Beziehungsneurotikerin. Das Ergebnis: eine phantastische Ansammlung schmutzigster Witze.

          Es gibt eine Szene, die „Dating Queen“ zu etwas ganz Besonderem macht: Amys Vater ist gestorben, und sie hält eine kleine Rede bei seiner Beerdigung. Er sei ein Arsch gewesen, sagt sie, und er habe jeden der Anwesenden schon einmal beleidigt. Aber nicht das wirkt außergewöhnlich, sondern der Umstand, dass Amy Schumer dabei unnatürlich natürlich aussieht für Hollywood-Verhältnisse. Sie hat Tränensäcke und ein Doppelkinn; sie ist nicht von jener edlen Schwermut umflort, die Regisseure trauernden Figuren gerne angedeihen lassen. Erfreulicherweise wirkt sie auch nicht, als habe sie seit dem Todesfall keinen Appetit mehr gehabt. Amy Schumer ist eine ganz normale Frau. Nur eben eine sehr witzige.

          Dieser Witz hat Amy Schumer in den letzten Jahren eine eigene Show auf Comedy Central eingebracht. Er hat ihr einen Platz in der „Time“-Liste der hundert einflussreichsten Menschen des Jahres 2015 beschert. Er hat sie auf die Titelseiten der Magazine „Entertainment Weekly“ und „GQ“ katapultiert, jeweils in beinahe sexy Posen: erst nackt auf dem Rücken liegend, an entscheidenden Stellen von kleinen Schnapsflaschen bedeckt, und dann an einem Finger saugend – aber eben am Finger des „Star Wars“-Androiden C-3PO. Denn am liebsten macht die New Yorkerin ihre Scherze über Sex – je derber, desto besser.

          Damit passte sie hervorragend zu Judd Apatow, der 2011 als Produzent bewies, dass er keine Angst vor derben Frauen hat: In „Brautalarm“ rülpsten und soffen die Hauptdarstellerinnen Kristen Wiig und Maya Rudolph gerne; letztere defäkierte gar nach dem Genuss verdorbener Speisen auf offener Straße. Doch sie mussten dabei die ganze Zeit wunderschön aussehen und geschmackvoll gekleidet sein. „Brautalarm“ war ein großer Schritt für Hollywood, doch man hätte meinen können, nur außergewöhnlich liebreizende Frauen könnten sich die Chuzpe dreckiger Witze erlauben. Eine Ausnahme bildete einzig Melissa McCarthy als burschikose Wuchtbrumme, deren Figur wiederum stark ins Lächerliche verzerrt war.

          Doch nun lässt Judd Apatow als Regisseur seine Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin Amy Schumer einfach ihr eigenes Leben nachspielen und dabei so aussehen, wie viele 34 Jahre alte Frauen eben so aussehen: hübsch, aber keinesfalls verdächtig, früher als Model gejobbt zu haben, und nach einer durchzechten Nacht eher ihrer Mutter ähnelnd als sich selbst. Diese Normalität ist eine kleine Revolution, denn es handelt sich bei „Dating Queen“ im Grunde um eine ganz klassische romantische Komödie. Die Art Film eben, die sonst mit Schönheiten wie Cameron Diaz oder Jennifer Aniston besetzt wird: Frau bekommt ihr Leben nicht auf die Reihe, findet die große Liebe, Irrungen, Wirrungen, Glückstaumel.

          Allerdings bricht Amy Schumer dieses klassische Schema durch eine Interpretation auf, die allerhand Klischees einfach umdreht. Amy arbeitet als Autorin beim Männermagazin „S’Nuff“; die kaum wiederzuerkennende Tilda Swinton gibt ihre bitterbös zynische Chefin. Nebenbei reiht Amy einen namenlosen One Night Stand an den anderen und stellt sich dabei schon auch mal schlafend, sobald ihre Bedürfnisse erfüllt sind. Sie hat aber zugleich ein etwas festeres Verhältnis mit Steven, dargestellt vom Wrestler John Cena, einem emotionalen, nicht besonders hellen Muskelberg.

          Zu! Viel! Nähe! Amy verbringt eine unruhige Nacht, weil ihr Bettgenosse kuscheln möchte.

          Dann trifft Amy für ein Interview den Sportarzt Aaron (Bill Hader), und die beiden kommen einander näher. Bald beschließt er, sie seien nun zusammen, und macht ihr eine Liebeserklärung. Amy ist überfordert, was Aarons bester Freund, der Basketballer LeBron James, misstrauisch beäugt – die beiden Kumpels diskutieren die Geschichte auf eine Weise, wie es sonst nur Frauen in solchen Filmen zu tun pflegen. Feinfühlige, etwas naive Männer, rotzige, raue Frauen – so sieht die Welt in „Dating Queen“ aus.

          Daher kehrt sich am Ende auch die große Versöhnungsgeste um: Nicht der Mann muss zeigen, was die Frau ihm bedeutet, sondern sie überrascht ihn, mitten im Madison Square Garden. Allerdings mit einer Aktion, die mehr ironische Distanz erfordert hätte. Deshalb ist das Ende von „Dating Queen“ leider doch nicht ganz so erfrischend anders wie die anderthalb Stunden zuvor.

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