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Video-Filmkritik zu „Detroit“ : Was damals im Motel Algiers geschah

Was ist Recherche, was ist fiktiv?

Die Szenen von den Straßenschlachten, mit mehreren Kameras gedreht (Kameramann ist Barry Ackroyd), werden im Film mit Archivaufnahmen verbunden (Schnitt: Billy Goldenberg), was einerseits den Eindruck einer hohen Authentizität erzeugt, an der Kathryn Bigelow vor allem gelegen ist, anderseits aber heikel ist: Man hat das Gefühl, das Filmteam lege es darauf an, mit seinen Aufnahmen gestellter Szenen für ebenso unverbrüchlich wahr gehalten zu werden wie die dokumentarischen aus dem Archiv. Dabei gibt es gerade heute gute Gründe dafür, die Grenzen zwischen beiden klar zu markieren und markiert zu lassen.

Was bei einem Spielfilm, der mit Mitteln des Cinéma Vérité, aber gleichzeitig mit Schauspielern arbeitet, schwierig ist. Und in „Detroit“ wird ja gerade das Gegenteil angestrebt: die Verschmelzung. So verschmelzen auch die Rechercheergebnisse, die Geschichten etwa von Larry Reed von den Dramatics (gespielt von Algee Smith), den Boal ausfindig machte, seine Geschichte anhörte und aufzeichnete, mit anderen, die ebenfalls als Drehbuchmaterial benutzt wurden. Gibt es fiktive Anteile? In einem Spielfilm, der auch ein Unterhaltungsangebot an das Publikum ist und darauf hofft, dass das Publikum es annimmt, wäre das doch nicht erstaunlich. Aber welche Anteile sind das?

Die Aufstände fanden nicht auf der Leinwand statt

Mark Boal hat jahrelang mit großen Aufwand recherchiert und hat Menschen aufgespürt. Er hat sie, die jahrzehntelang geschwiegen haben, zum Sprechen gebracht, er hat in Archiven Film- und Fotomaterial gefunden, das niemand kannte – deshalb fragt man sich: Warum wurde daraus nicht der Dokumentarfilm, nach dem diese Geschichte doch geradezu schreit? Warum können auch heute die Opfer von damals nicht selbst für sich sprechen, sondern brauchen Darsteller – sehr gute, sehr glaubwürdige Darsteller übrigens, darunter John Boyega, Will Poulter und Jacob Latimore –, die in ihre Haut schlüpfen?

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Kathryn Bigelow ist eine versierte Filmemacherin, die auch, wenn sich die Kamera in Action-Szenen stürzt, nie den Überblick verliert. So ist das auch hier. Wir sind mittendrin, wir halten den Atem an, wir zittern mit den Menschen, die gequält werden, wir ducken uns vor dem Stiefel, der neben einem Kopf auf den Boden niederdonnert. Alles Kinoreaktionen, alles Reaktionen auf Genreelemente. Das heißt, obwohl Kathryn Bigelow mit ihren ausgefeilten Mitteln der Spannungserzeugung größtmögliche Authentizität anstrebt, erreicht sie doch das Gegenteil: dass wir nie vergessen, wir sitzen im Kino.

Und das ist dann wieder ein gutes Zeichen. Dass unsere Wahrnehmung noch zu unterscheiden weiß, was die Technik in „Detroit“ zusammenzwingt: die Aufstände fanden nicht auf der Leinwand statt. Wie es damals wirklich war, kann man in diesen Wochen in Detroit an verschiedenen Stellen sehen. Zum Jahrestag der Aufstände finden dort in verschiedenen Museen Ausstellungen statt, in denen die Zeitzeugen tatsächlich sprechen. Und in denen versucht wird, zu klären, warum die Stadt so miserabel auf die große Wanderung der befreiten Sklaven nach Norden vorbereitet war, und so unwillig, jene Gleichheit der Menschen zu gewähren, deren Versprechen der Great Migration zugrunde lag.

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