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Video-Filmkritik : Kein Krieg, den jeder versteht

  • -Aktualisiert am

Bild: Weltkino

„Dämonen und Wunder“ von Jacques Audiard erzählt von gewaltsamen Flüchtlingserfahrungen – vom Herkunftsland bis zum Aufnahmeland. Jetzt kommt der Sieger der Filmfestspiele von Cannes ins Kino.

          3 Min.

          Mit einer weißen Linie möchte der Hausmeister in einer Banlieue nördlich von Paris für Ordnung sorgen. Er zieht sie zwischen zwei Blöcken von Gebäuden. Seine Frau muss diese Linie täglich überqueren, denn sie arbeitet bei Monsieur Habib, der den ganzen Tag apathisch am Küchentisch sitzt und umsorgt werden muss. 500 Euro bekommt sie dafür; als sie das in Rupien umrechnet, wird sie erst einmal ganz euphorisch. Mit der Demarkationslinie möchte Dheepan, ein Migrant aus Sri Lanka, einen sicheren Bereich abgrenzen, den die Bandenkriege im Viertel nicht berühren sollen. Denn die Drogenhändler haben sich diese Welt, in der nie ein Vertreter der Exekutive zu sehen ist, untereinander aufgeteilt. Allerdings gibt es dauernd Streit, und schließlich kommen Männer auf Motorrädern, schwer bewaffnet. Danach herrscht in Le Pré für längere Zeit Vendetta.

          Vermeintliche Sicherheit

          Als Dheepan mit dem Schubkarren die Linie zieht, prasseln schlechte Witze auf ihn ein. „Hast sie wohl mit Curry gestreckt.“ Den müsste er eigentlich verstehen, aber er hat keinen Sinn für Humor, und er hat gute Gründe dafür. In seinem Heimatland hat er für eine Einheit der tamilischen Rebellen gekämpft, dabei hat er Frau und Kind und alle seine Kombattanten verloren. In Frankreich ist er in Sicherheit, aber das Misstrauen steckt ihm tief in den Knochen.

          Der Name des Protagonisten ist auch der Titel des Films von Jacques Audiard, der beim diesjährigen Festival von Cannes mit einer „Goldenen Palme“ ausgezeichnet wurde: „Dheepan“. Der deutsche Verleih hat sich für eine poetische Alternative entschieden: „Dämonen und Wunder“, nach einem Gedicht von Jacques Prévert, das die Tochter von Dheepan einmal in der Schule vorträgt. Es bietet einen Schlüssel zu den Erfahrungen, um die es Audiard geht. Wer seine Heimat verlässt, weil er dort nicht mehr sicher ist, lässt eine Menge zurück, aber Dämonen kommen häufig mit. Die Frage ist dann nur, wie sie zu bannen wären - durch ein Wunder? Oder doch kathartisch, durch Gewalt?

          Auf den ersten Blick plausibel

          Die Tücken des neuen Lebens trägt der Film auch schon im Titel. Denn Dheepan heißt eigentlich Sivadhasan, er musste seine Identität wechseln, um nach Europa zu kommen. Seine Familie ist nicht seine Familie, sondern eine Zweckgemeinschaft von drei Leuten, die zusammenfanden, weil sie zusammenpassten: Yalini, weil sie so halbwegs einer Frau auf einem Passfoto ähnlich sah, und die neunjährige Illayaal, weil sie ohne Eltern in einem Flüchtlingslager gefunden wurde. Sie teilen nun eine Hausbesorgerwohnung in Le Pré, aber sie leben für sich. Um nicht aufzufallen, trägt Yalini schließlich sogar ein Kopftuch. Das ist ein Detail, das auf den ersten Blick plausibel wirkt, mit dem Jacques Audiard es aber auch ein wenig übertreibt. Es sagt viel über seinen Film aus. Denn er versäumt es, dafür einen hinreichenden sozialen Kontext zu schildern. Er interessiert sich kaum für die Frauen, für die Rolle der Religion, für die kulturellen Bruchlinien.

          Audiard will nämlich auf etwas anderes hinaus: Er will offensichtlich die Parallelen zwischen zwei Gesellschaften kenntlich machen, die er wohl beide im Zeichen eines Bürgerkriegs begreift. In Sri Lanka, an das er zwischendurch immer wieder mit mythisch grundierten Bildern erinnert, kämpfen ethnische Gruppen gegeneinander. In Frankreich ist das ganz ähnlich, und Dheepan muss sich vorkommen, als wäre er vom Regen in die Traufe geraten oder aus einem Krieg, den er versteht, in einen, in dem er der Idiot zwischen den Gangs ist. In der Hierarchie der ethnischen Vorurteile steht er sowieso weit unten, denn er ist deutlich „dunkler“ als die „Araber“, die einem jungen Mann namens Youssouf gehorchen. Auch hier trifft Dheepan noch einmal auf einen Witz, den er nicht versteht. Warum gibt es in der Serie „Star Trek“ keine Araber? Weil sie in der Zukunft spielt.

          Eine soziale Apokalypse

          Das Motiv, das sich in dieser Pointe zu erkennen gibt, kehrt Audiard allerdings gerade um. Seine Vision zeigt Frankreich als ein latent gesetzloses Land, in dem migrantische Gruppen ihre Territorien mit Waffengewalt abstecken. Der Front National könnte „Dämonen und Wunder“ ohne große Anstrengungen als Menetekel in den Dienst der eigenen Sache nehmen. Dazu müsste er allerdings die Erzählperspektive unterschlagen. Es ist die eines traumatisierten Mannes. Dheepan reagiert auf Schüsse panisch, er hört zu sprechen auf, er sucht Zuflucht zu Übersprungshandlungen, und in letzter Konsequenz steht seine duldsame Friedfertigkeit auf dem Spiel. Die Konstellation schreit geradezu nach einem Eklat, und Audiard spart dann auch nicht mit starken Bildern, in denen er eine soziale Apokalypse suggeriert, die nur noch in ein erträumtes Paradies auf der (nächsten) anderen Seite umschlagen kann, in dem Land jenseits des Ärmelkanals.

          Vor einigen Jahren hat Jacques Audiard mit „Un prophète“ davon erzählt, wie die französischen Institutionen, konkret ein Gefängnis, einen großen „arabischen“ Gangster gleichsam erst produzieren. Es war ein atemloser Film, der souverän mit den großen Gesten des Kinos hantierte. „Dämonen und Wunder“ versucht nun, dieses Vokabular mit der Intimität des „Elends der Welt“ zusammenzubringen, wie ein Team rund um Pierre Bourdieu es 1993 in Worte zu fassen versuchte. Dabei erweist sich, dass er seinen Protagonisten Dheepan eher dazu benutzt, seinen eigenen Phantasien nachzugehen, als dass er den kleinen Schritten und sanften Berührungen eine Chance geben würde, aus denen sich (wie in Abdellatif Kechiches großem „L’esquive“) ein gemeinsam erschlossener Raum ergeben könnte. Inmitten der Projektionen, die sich aus allen Richtungen auf die Banlieue richten, setzt Audiard schließlich auf einen besonders grellen Scheinwerfer.

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