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Film von Luca Guadagnino : Sommermomente im Fluss

Bach für Lovers: Armie Hammer im Hintergrund, am Flügel Timothée Chalamet

Das erste Wort, das wir von Oliver hören, ist eine Unverschämtheit. „Later“, „später“, ruft er ins Taxi zurück, aus dem er gerade aussteigt, eine ungewöhnliche Kurzform für „See you later“ und außerordentlich brüsk. Er sagt es immer wieder und zu allen, wenn er genug hat, dabei weiß er, dass niemand auf ihn bis später warten möchte, dass alle immer und sofort mit ihm zusammensein wollen. Er ist Mitte zwanzig und sieht phantastisch aus (Armie Hammer), sehr amerikanisch auch in der Ausstrahlung eines Mannes, der völlig bei sich ist und in seinem Körper wohnt. Es ist nicht nur dieser Körper, den alle begehren, es ist die Aura der Verführung, die die Verführung selbst beinahe ersetzt. Außer Elio und einem Mädchen aus dem Dorf ist niemand im engeren Sinn sexuell an Oliver interessiert. Aber alle wollen in seiner Nähe sein, um in dieser Aura zu baden. Außerdem ist er klug. Liest Heidegger und Ovid, spricht Arabisch und ist einer der besten Studenten Perlmans. Elio allerdings ist ihm ebenbürtig. „Gibt es etwas, was du nicht weißt“, fragt Oliver ihn, als Elio eine offenbar weithin unbekannte Begebenheit aus dem Ersten Weltkrieg erzählt. Elio liest, wenn er nicht an Sex denkt, und macht Musik, transkribiert und komponiert. Ein Traum, wie gesagt.

Voller Gefühl und doch kein sentimentaler Film

Manche Filme bleiben über ihre Temperatur in Erinnerung. Bei den Filmen von Luca Guadagnino ist es die Wärme des Sommers, die aus ihnen atmet, eine keineswegs kuschelige Wärme, keine Schwüle, sondern eine Temperatur, die die Sinne wach hält, während der Rest träge wird. „I am Love“ und „A Bigger Splash“ verströmten dieses Gefühl, und auch „Call Me By Your Name“ treibt durch diese Wärme wie ein Schiffchen durchs Wasser. Nacktheit oder das Herumhängen in der Badehose, offene Hemden, winzige Kleidchen, nichts wirkt hier ostentativ, vielmehr existieren die Körper mit ihrer Umgebung in selbstverständlichem Nebeneinander. Das heißt auch, es gibt keine Mode (obwohl die Kostüme von Giulia Piersanti exquisit sind in ihrer Beiläufigkeit) als Fassade für die Körper. Die Körper sind auf beglückende Weise einfach da.

Das Drehbuch zu diesem Film hat James Ivory geschrieben, ein Spezialist für erotisch aufgeladene Atmosphären. Hier hatte er eine Vorlage, nämlich den gleichnamigen Roman von André Aciman, und die Lakonie, die er in die Verhältnisse legt, verhindert jede Sentimentalität. „Werd erwachsen. Wir treffen uns um Mitternacht.“ Mehr steht nicht auf dem Zettel, den Oliver eines Tages Elio zusteckt. Und später, wenn wir nach dieser Nacht zum ersten Mal den Filmtitel als Dialogsatz gehört haben und die Liebeserklärung verstehen, die in ihm liegt, haben sich Arme und Beine der beiden derart ineinander verschlungen, dass wir ihre Körper nicht auseinanderhalten können. Doch als sie wieder auf den Beinen stehen, jeder auf seinen, deutet nur ein Kopfnicken an, mit dem sie sich trennen, dass es gut war. So, wie es sein soll.

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