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Video-Filmkritik : Er wollte doch nur spielen

Nach Kräften um Ausgleich bemüht

Überhaupt, Miles: Gleich einer der ersten Sätze des Films gilt dem übergroßen Rivalen, als Chet Baker in einer Film-im-Film-Szene auf dem Weg ins Birdland begeisterte Verehrerinnen fragt, wen sie lieber mögen, ihn oder Miles Davis. Er solle zurück an seinen Strand gehen, bescheidet der andere ihn später in einem Hinterzimmer des Clubs, er könne zurückkommen, wenn er ein bisschen gelebt habe. „Ein kleiner, cooler Typ von der Westküste frisst euch auf“, ist Chets Antwort, die er freilich nur vor sich hinflüstert. Der Legende nach soll der geniale Saxophonist Charlie Parker dem nicht minder genialen Miles Davis einmal Chet mit diesen Worten angekündigt haben.

Die überraschende Innerlichkeit des Cool Jazz, die Spannungen zwischen East- und West Coast, die Großen dieser Musik mit ihrem allzu oft erbärmlichen Leben, die legendären Clubs und Plattenfirmen bilden das Spannungsfeld eines Films, der weniger Jazz-Begeisterten ungleich weniger zu erzählen hat und sich dafür nach Kräften um Ausgleich bemüht: Für sie kämpft eine hinreißende Frau um einen Mann, den sie nicht retten kann. Und ein in seiner Verlorenheit unwiderstehlicher Typ kämpft sich in ein Leben vor, das er nie gehabt hat, um es aus Angst vor der Bühne, der er nie gewachsen war, der neuerlichen Heroinsucht zu opfern.

Ethan Hawke singt selbst

Dabei wirkt die Trompete immer wieder wie ein Emblem, das die Geschichte in den Jazz zurückführen, das sie beglaubigen soll. Doch Ethan Hawke tut sich schwer mit ihr, hält sich an ihr in den großen Überwältigungsmomenten fest wie an einem Requisit. In einem der großen Verzweiflungsmomente des Films hingegen bricht er mit seinem Spiel dem Zuschauer fast das Herz: als Chet kurz nach dem Überfall in der leeren Badewanne sitzt und versucht, wieder mit seiner Trompete zurechtzukommen, während ihm das Blut aufs Unterhemd tropft.

Es ist eine Entscheidung, für das Biopic eines unverwechselbaren Musikers nicht auf digital aufpolierte Originalaufnahmen zurückzugreifen. Für Robert Budreaus Film spielt Kevin Turcotte die Trompete: die heroinsatt schwebende genauso wie die blassere auf Methadon, die verzweifelte der ersten Versuche mit künstlichen Zähnen wie die zunehmend selbstbewusste, als das Comeback langsam wieder Fahrt aufnimmt. Wer dem Film bis in diese Feinheiten folgen will, braucht gute Ohren. Den Gesang hingegen hat Ethan Hawke selbst übernommen, mit leicht heiserer, zerbrechlicher Stimme wie Chet Baker selbst auf Aufnahmen wie „My Funny Valentine“, doch ohne dessen abgrundtiefe Traurigkeit.

Don Cheadles Miles-Davis-Film lief hier nicht

Unlängst hatte es schon einmal in einem Kinofilm geheißen, der Jazz stürbe, und auch die männliche Hauptigur in Damien Chazelles „La La Land“ ist ein weißer Held. Während sich Ryan Goslings Seb Wilder hingebungsvoll an der Rettung der geliebten Musik abarbeitet, versucht Ethan Hawkes Chet Baker, der diesen Satz ebenfalls gesagt bekommt, lediglich, sich selbst zu retten. In die Musik.

Ein dritter Jazzfilm der letzten Jahre ist der Gegenfigur Chet Bakers in „Born to be Blue“ gewidmet, Miles Davis - einem Musiker, der wenn nicht für die Rettung des Jazz, so doch für eine ganze Reihe entscheidender Entwicklungen dieser Musik von größter Bedeutung ist. Don Cheadles „Miles Ahead“ ist nie in die deutschen Kinos gekommen.

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