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„BlacKkKlansman“ im Kino : An einem Tag wie heute

Bild: AP

Satire, bitterenst: Spike Lees „BlacKkKlansman“ über den Afroamerikaner Ron Stallworth, der Mitglied des Ku-Klux-Klans wurde, erzählt von Ereignissen, die vor vierzig Jahren stattfanden. Und kommt dennoch keinen Tag zu spät.

          Die Geschichte ist unglaublich und dennoch ungefähr so geschehen: Ron Stallworth bewirbt sich Mitte der siebziger Jahre als erster Afroamerikaner bei der Polizei in Colorado Springs. Und nach einer Weile bewirbt er sich als neues Mitglied beim Ku-Klux-Klan. Beide Male wird er genommen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In seinem Buch „Black Klansman“ hat Ron Stallworth diese seine Geschichte erzählt. Bis 2014 hat er damit gewartet. Spike Lee hat weniger lange gezögert. Sein Film gewann im Mai beim Filmfestival in Cannes den Großen Preis der Jury und in Locarno kürzlich den Publikumspreis und kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos. Vierzig Jahre nach den damaligen Ereignissen hat man nicht den Eindruck, das sei einen Tag zu spät.

          Terror, gewachsen, gedüngt auf amerikanischem Boden. Darum geht es in diesem Film, der „BlacKkKlansman“ heißt, ein typischer Spike-Lee-Witz mit Jive im Schriftbild. Es geht auch um Chuzpe. Um Amerikas Rassismus in der Geschichte des Landes, in der Filmgeschichte auch, und heute. Um den Klan und Black Power. Wie immer bei Spike Lee kommen eine Menge Dinge zur Sprache und zur Anschauung, die miteinander zusammenhängen und die, zu einer Bestandsaufnahme verwoben, wie es dieser Film tut, nichts Historisches an sich haben. Historisch im Sinne von: vorbei. Oh nein. Spike Lee zeigt uns mit der Geschichte des „BlacKkKlansman“ sehr deutlich, dass immer noch gilt, was William Faulkner einst meinte, als er sagte, die Vergangenheit sei nicht tot, sie sei noch nicht einmal vergangen.

          Gar nicht so lange her

          Fürs Kino gilt das erst recht, für seine unvergessenen kanonbildenden Werke, von denen Spike Lee einige zitiert, „Vom Winde verweht“ gleich in der ersten Szene. Eine Aufsicht auf den Bahnhofsvorplatz von Atlanta, bedeckt mit den Körpern verletzter und toter Soldaten der Konföderierten Armee, zwischen ihnen Scarlett O’Hara, die Southern Belle, suchend, klagend, anpackend auch umherirrend. Dann zieht sich die Kamera von ihr zurück in die Totale, und es flattert die arg mitgenommene Flagge der Konföderierten ins Bild. Bis heute wird um diese Fahne gefochten, und bis heute weht sie an vielen Orten im Süden, um zu zeigen: „Wir geben uns nicht geschlagen“, wir, die Weißen, die Herren im Land. Sie wehte auch in Charlottesville bei dem Neonazi-Aufmarsch im vergangenen Jahr. „Vom Winde verweht“ entstand 1939. Der Bürgerkrieg endete 1865. In Spike Lees Film scheint es, als sei das gar nicht so lange her.

          Patrice (Laura Harrier) beruhigt Ron (John David Washington).

          In Colorado im Nordwesten des Landes herrscht in den Siebzigern teilweise derselbe Geist. „Werden Sie die andere Wange hinhalten, wenn Sie rassistisch beschimpft werden?“, wird Ron in seinem Vorstellungsgespräch auf dem Polizeirevier gefragt. „Werde ich rassistisch beschimpft werden?“, fragt er zurück, und alle im Raum wissen: höchstwahrscheinlich. Seine Reaktion ist gefasst, als es so weit ist. Erst mal im Archiv zum Anlernen untergebracht, werden Rons Bewegungen aufreizend langsam, wenn ein Kollege von ihm verlangt, eine „Bimbo-Akte“ herauszusuchen. John David Washington spielt Ron unter einem ballrunden Afro mit unglaublicher Lässigkeit, die ihm Respekt verschafft, und mit federnden Muskeln, als könne er jederzeit aus seiner Trägheit herausspringen und hochgefährlich werden. Seine Waffen gegen dumpfe Provokation sind lange seine Intelligenz, seine Coolness und Ironie.

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