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Gewinnerfilm der Berlinale 2017 : Wir träumen einander ins Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Alamode Filmverleih

Der Film „Körper und Seele“, mit dem die Ungarin Ildikó Enyedi dieses Jahr den Wettbewerb der Berlinale gewann, hat einen sehr grundsätzlichen Titel. Die seltsame Liebesgeschichte löst ihn ein.

          In einem Schlachthaus in Budapest hat es einen Skandal gegeben. Jemand hat „Bullenpulver“ entwendet, das Aufputschmittel, das für Menschen eigentlich viel zu stark ist, wurde als Partydroge missbraucht. Es muss eine wilde Feier gewesen sein, Genaueres will man gar nicht wissen, aber eines ist klar: Endre, der Finanzdirektor des Betriebs, und Maria, die Fleischkontrolleurin, haben sicher nicht mitgemacht. Sie sind Außenseiter, er schon aufgrund seines Ranges, denn über seinen Schreibtisch läuft alles, was irgendwie wichtig ist, sie wegen ihrer Pedanterie.

          Endre und Maria sind die beiden Liebenden, von denen Ildikó Enyedi in ihrem Film „Körper und Seele“ erzählt. Dass sie jemand lieben, dass sie einander lieben, das ist ihnen lange Zeit gar nicht bewusst, denn ihre Liebe geht einen seltsamen Weg. Einen Königsweg, wenn man ein berühmtes Wort von Sigmund Freud aus der „Traumdeutung“ hier verwenden wollte. Die Liebe beginnt im Schlaf, und sie muss dementsprechend erst aufwachen, sie muss zur Welt gebracht werden. Das ist die Geschichte des Films. Doch wie erfährt man von einem fremden Menschen die Träume? Dazu bedarf es einer neutralen Instanz, einer Psychologin, die in den Betrieb geholt wird, um die Polizei bei ihren Ermittlungen wegen des Rinderaphrodisiakums zu unterstützen. An der Dame bemerken die Männer zuerst einmal ihre Oberweite, auch Endre lässt sich zu einem „unverschämten Blick“ hinreißen. Dieser Blick ist aber auch so etwas wie ein Lebenszeichen. Ein Hagestolz bemerkt, dass sein Begehren noch nicht tot ist. Die Psychologin stellt fest, dass ihr zwei Mitarbeiter von dem gleichen Traum erzählt haben: Endre und Maria. Ein winterlicher Wald, ein Hirsch, eine Hirschkuh, eine Suche nach etwas Essbarem. Die Psychologin übertreibt es ein bisschen mit der „via regia“, bei der man ja auch Freud schon vorwarf, es käme immer nur Sex heraus, und fragt gleich unverblümt: „Haben Sie sich gepaart?“ Darauf geben Endre und Maria, der Hirsch und die Hirschkuh, die gleiche Antwort auf ganz unterschiedliche Weise. Es gab jedenfalls vorerst nur einen Nasenstupser.

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          In den Träumen sind wir alle so allein, wie wir es im Leben sind – diese melancholische Einsicht aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ wird von Ildikó Enyedi widerlegt. Für die ungarische Filmemacherin gibt es etwas Größeres als die unhintergehbare Subjektivität, etwas wie einen überpersönlichen Zusammenhang zwischen bestimmten Menschen. Aber wenn man sich genau ansieht, was „Körper und Seele“ erzählt, dann wird man feststellen, dass es hier keineswegs um einen Ausstieg aus der abendländischen Anthropologie geht, sondern ganz im Gegenteil: um eine Bewegung der Integration, um ein therapeutisches Verfahren, das dem aufdringlichen Fragen der Psychologin und deren vorgeblicher Wissenschaftlichkeit die Grenzen aufzeigt. Interessanterweise kommt die zwar bei den Ermittlungen mit ihren Methoden auch zu dem richtigen Ergebnis (das allerdings mit ein bisschen gesundem Menschenverstand so weit weg nicht liegt). Aber an das Geheimnis der „unio somniomystica“ rührt sie nicht.

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