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Video-Filmkritik: „Endgame“ : Um Rache ging’s in Wahrheit nie

Bild: The Walt Disney Company

Der zweiundzwanzigste Film des Marvel-Kino-Universums, „Avengers: Endgame“, setzt einen Schlusspunkt, der noch einmal alle Gründe für den beispiellosen Erfolg der Reihe vorführt.

          3 Min.

          Es fängt damit an, dass dem Team das Herz bricht. Wenn dieses Team ein Körper ist, was man von Teams ja öfter behauptet, dann darf man als dessen Hirn den schwerreichen Ingenieur und ehemaligen Waffenhändler Tony Stark ansehen, alias Iron Man, trocken wie Sandpapier und süffig wie Scotch vor dem Essen gespielt von Robert Downey, Jr. – und wenn dieser Leib eine Seele hat, dann ist das der von Chris Evans verkörperte Steve Rogers, sprich: Captain America.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Herz aber kann nur Clint Barton sein, Hawk-eye, also der Schauspieler Jeremy Renner, der im vorletzten und finstersten Film der „Avengers“-Reihe, „Infinity War“ (2018), sozusagen keine Rolle spielte – das heißt, es wurde nicht gezeigt, wie er das megamorbide Massensterben erlebt, in dem die Nachtfahrt endete. Jetzt, in „Avengers: Endgame“, zeigt man’s uns: Er hat seiner Tochter das Bogenschießen beigebracht, dabei mit seinen Söhnen gescherzt und sich übers erzieherische Einverständnis mit seiner Frau gefreut. Einmal blinzeln, da sind alle drei nicht mehr da. Clint Bartons ganze Welt wurde ermordet.

          Im Finale des zweiundzwanzig Großproduktionen umfassenden „Marvel Cinematic Universe“ müssen Überlebende mit Verlust, Versagen und Schuld fertigwerden. Nicht alle sinnen auf Rache, obwohl das Team sie eigentlich im Namen trägt; auf Deutsch hießen die Avengers zu ihren besten Heftchenzeiten ja stabreimstramm „die ruhmreichen Rächer“.

          Die Revanche, die immerhin stattfindet, entpuppt sich im ersten Akt von „Endgame“ als leeres Vorspiel; Steve Rogers gibt zwar die Parole aus: „Holen wir uns den Hurensohn“, und bald darauf poltert der Kopf des mit Gift geduschten Riesen Thanos tatsächlich zu Boden, aber damit ist kein einziges Problem gelöst. Im Gegenteil, die Moral der Truppe verfällt rasant, Rache macht schwach.

          Das rummst am Ende tüchtig

          Dann aber erinnert sich einer daran, dass Superheldengeschichten zum Science-Fiction-Genre gehören, das unter anderem Zeitreisen erlaubt, und damit fängt eine Stunde nach Filmbeginn ein zweistündiges Schlammcatchen zwischen den Prinzipien Ursache und Wirkung an, bis im Durchgang durch allerlei Quantenquatsch und überraschend feinziselierte Figurenzeichnung der Höhepunkt erreicht wird, eine Art atomarer Vulkanausbruch bei Erdbeben in einer Sturmflut wegen Meteoriteneinschlag oder so.

          Unterwegs zu diesem leckeren payoff kriegt jede und jeder ihren oder seinen nach fast zwei Dutzend Filmen voll verdienten Abschied in Würde, Ehre, Witz und Donner, nicht nur die Jungs und Herren, sondern (auf dass sich, wie schon neulich bei „Captain Marvel“, Myrmidonenheere beleidigter Stubenhocker online über Hollywoods außer Kontrolle geratenen Feminismus ereifern) auch die Mädels und Damen – das ist nicht irgendwie politisch korrekt, sondern vor allem comic-historisch, denn schon beim ersten „Avengers“-Heft 1963 war die Wespe dabei, die hier mit dem Gesicht von Evangeline Lilly zwischen ihren Schwestern herumzischt, welche geflügelte Pferde reiten (Tessa Thompson als Valkyrie) oder selbsterzeugte Lichtkeile werfen (Brie Larson als Captain Marvel).

          Mehr Gaststars hatte überhaupt nichts jemals, von Robert Redford bis Cobie Smulders; selbst Stan Lee, der Marvelvater, ist nicht tot, sondern wieder jung. Für alle Physikerinnen werden Max Planck und David Deutsch kurz gegrüßt, für Phantastik-Lesewütige liest ein Security-Wachmann in einem der besten Storysammlungen aller Zeiten, J.G. Ballards „Terminal Beach“, und die Musik stimmt am allermeisten: ein Fantasyfilm, der mit „Dear Mister Fantasy“ (1967) von Traffic anfängt, wie sollte der misslingen? Die Entscheidungsschlacht, auf die alles hinausläuft, findet diesmal nicht am helllichten Tag auf freier afrikanischer Fläche statt wie in „Infinity War“, sondern als mit Feuer gefilmter big crunch, in dem Blut und Schmutz, Sieg und Schmerz erst kaum zu unterscheiden sind und dann doch: ein Pyro-Wimmelbild des Inkommensurablen. Wer es nicht mit solchem Elephantismus hat, kann sich an Rocket Raccoon halten; das bewährte buschige Bündel bissiger Bemerkungen war immer liebenswert, hier wird es lebenswichtig, als emotionaler Blitzableiter.

          Mit einer gewissen Bestürzung mag man da mitten im Filmvergnügen an das Schicksal von Bill Mantlo denken, den Autor, der den tollen Waschbären zusammen mit dem Zeichner Keith Giffen erfunden hat und für den sein Bruder derzeit im Internet betteln muss, weil Mantlo ein Pflegefall ist, dessen Lebensabend Marvel Studios und Disney mit ein wenig Erbarmen und Geld erheblich weniger elend gestalten könnten. Aber die haben ja zu tun, sie müssen Netflix in die Schranken weisen und alles aufkaufen, was sie für die nächste coole Torte brauchen.

          Im Juni 1970 – ein wichtiger Teil von „Endgame“ spielt in diesem Jahr – erschien Heft 77 der Avengers, gezeichnet vom elektrisierenden John Buscema, geschrieben von einem Mann, dem der Abspann von „Endgame“ neben vielen anderen dankt, Roy Thomas. In diesem Heft muss das Team gegen Schandlohn einem Spekulanten dienen, dessen Geschäfte dem Gemeinwesen schaden, und fängt am Ende auch einen Kriminellen. Der Geldsack aber bleibt unbehelligt, und Black Panther, der schwarze Sozialkritiker im Team, sagt dem reichen Mann, zwar erwische es diesmal nur den Straftäter, aber „deine Verbrechen richten sich gegen Herz und Seele des Menschen. Eines Tages wirst du für sie bezahlen.“ Erst wenn diejenigen, die mit solchen Geschichten auf Papier oder Leinwand am meisten Geld verdienen, so zu denken und zu empfinden lernen wie jene anderen, die sich solche Geschichten ausdenken, werden die Heldinnen und Helden ausruhen dürfen. Bei uns, auf dieser Welt, in dieser Zeit, sieht es nicht danach aus.

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