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„Auslöschung“ auf Netflix : Ein tiefes Loch in der Natur

Bild: AP

Der radikale Filmtraum einer neuen Biologie nach einem bizarren Roman: Alex Garland hat Jeff Vandermeers „Auslöschung“ verfilmt. In Deutschland kann man das Ungeheuer nur auf Netflix sehen.

          Der Wald ist ein grünes Kirchenschiff, gewachsene Gotik. Dichte Hecken in Menschengestalt führen, wenn man sie näher betrachten, vielleicht berühren will, vom Weg ab. Den Pfad kreuzt Wild, das der Wind aus atmender weißer Schokolade geformt hat. Ein albtraumhafter Allesfresser ruft mit leiser Frauenstimme um Hilfe, er verwirrt so seine Opfer. Am Strand stehen Bäume aus Glas, im Sand liegt Knochenkunst. Bunte Fadenfischlein fädeln sich durch Süßwasserströmungen. Ein Kinderspielplatz samt Klettergerüst ist halb von einer Wiese zugewuchert, das Bild sagt: Eure Kinder, eure Spezies, homo sapiens, haben hier längst schon nichts mehr zu bestellen, auch keine Zukunft, ihr seid bereits halb vergessen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Fünf Frauen, teils wissenschaftlich, teils militärisch ausgebildet, durchqueren das Gebiet, in dem all dies zu sehen ist, als Kundschafterinnen. Nur eine überlebt den Weg durch die schrecklich schöne Welt, die unter einem Leuchtturm ein Loch hat, einen Nabel, an der Stelle, wo man diese „Area X“ und das, was sie verzaubert, den „Shimmer“, von einer höheren Wirklichkeit abgeschnitten hat, damit sie in unsere Raumzeit stürzen konnten.

          Der „Shimmer“: ein Vorhang aus falschen Erwartungen

          In Jeff Vandermeers Roman „Annihilation“ (2014) heißt es von der Grenze zwischen der alltäglichen Erde, die wir kennen, und jener Zone mit dem Loch, „dass man sie mit bloßem Auge nicht erkennen konnte“. Das klingt, als verwahre sich das Buch entschieden gegen eine Verfilmung. Der Regisseur Alex Garland hat sich darüber hinweggesetzt, wie die fünf Frauen sich über die Schwellenangst gegenüber dem Unerklärlichen hinwegsetzen. In den Vereinigten Staaten lief Garlands Film im Kino, hierzulande muss man Netflix bemühen, wenn man ihn kennenlernen möchte.

          Die Grenze, die Garland darin sichtbar macht, sieht aus, als wäre sein Film am Übergang zwischen seiner expliziten und einer geheimen zweiten Handlung partiell geschmolzen, ein Vorhang aus falschen Erwartungen, die der Film dann furios zerstört. Bei Vandermeer haben die Frauen keine Namen, sondern sind auf ihre Funktionen reduziert („die Psychologin“, „die Biologin“), wandelnde Plot-Coupons sozusagen, und auch sonst ist das Buch vor allem glorios abstrakt. So kommt darin zum Beispiel etwas vor, das sowohl als Turm wie als Tunnel aufgefasst werden kann, eine Mehrdeutigkeit, die man mit der Sprache anstellen kann, für die es aber kein Bild gibt.

          In der Hölle gibt’s die schönsten Rollen: Lena (Natalie Portman) schaut in den Bauch der wahnsinnig gewordenen Biologie.

          Garland macht mehr aus dem Buch, als man hoffen durfte – sein Schimmer wirkt wahr (wenn auch unwirklich), und seine Darstellerinnen, die hier Rollennamen haben, weil sie einander ansprechen oder anschreien müssen, arbeiten ihre Charakterunterschiede und Beziehungen, von der Notgemeinschaftsnähe bis zur unüberbrückbaren Fremdheit des Wahnsinns, fesselnd (und manchmal schockartig evident) heraus. Besonders Jennifer Jason Leigh als äußerlich diszipliniert und methodisch organisierte, innerlich fiebrig getriebene Expeditionsleiterin Dr. Ventress und Tessa Thompson (deren Spielbeweglichkeit man seit ihrer Darbietung als gewissenlose Businesshyäne in „Westworld“ zunehmend ehrfurchtsvoll bestaunen muss) als verkörperte Neugier blitzen mit kleinen mimischen Tricks, werden aber noch übertroffen von der Hauptdarstellerin, der die fast unlösbare Aufgabe obliegt, Vandermeers verlogene Ich-Erzählerin auf zwei Beine zu stellen.

          Natalie Portman muss hier mehr ertragen als bei jedem anderen Job vor jeder anderen Kamera bisher und schafft es trotzdem noch, zwischendurch zu erklären, was wir Menschen samt unserem vom Hox-Gen bestimmten Körperbauplan und dem in jeder Zelle genetisch einprogrammierten Tod eigentlich genau für eine Sonderstellung im Universum innehaben. Biologie ist ein abgründiges Wissensgebiet; wer schon vor Leuten Angst hat, die anders reden, wird kaum mit der Aussicht auf Tentakeln im Gesicht zurechtkommen.

          Garland riskiert nichts Geringeres als seinen Ruf

          Wer solche Angst nicht kennt oder niederringen kann, mag nicht nur „Auslöschung“ lesen, sondern auch Vandermeers zwei Folgebände in der „Southern Reach“-Trilogie, die auf Deutsch „Autorität“ (im Sinne von: „das, was über uns verhängt ist“) und „Akzeptanz“ (im Sinne von: „Hinnahme des Umgekrempeltwerdens“) heißen. Wer das nicht aushält, der hat nicht Unrecht – schon Garlands Film, der nur den ersten Band umsetzt, geht in seinen letzten zwanzig Minuten weit ins Unbetretene, nicht zu Betretende; die aus Menschensicht höchste Blüte der Evolution, unser liebes Bewusstsein, wird reichlich rücksichtslos entblättert, mehr noch: „refracted“ (sagt Tessa Thompson als Josie), also gebrochen, dann zerschlagen und neu mit sich selbst verwoben.

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