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Video-Filmkritik : Die Weltseele in der Bilderkiste

Bild: NFP

Die faszinierende Geschichte einer Frau, die mehr sah als andere: „Finding Vivian Maier“ illustriert die Suche nach der Identität der amerikanischen Straßenfotografin, deren Werk erst postum bekannt wurde.

          2 Min.

          Die Vorstellung, in unserer völlig ausgeleuchteten Welt habe eine unscheinbare Frau neben ihrem bekannten noch ein gänzlich geheimes Leben gelebt, ohne dabei kriminell zu sein oder Schandtaten der übelsten Art in Kellerlöchern oder an anderen dunklen Orten zu begehen, ist von großer Faszinationskraft. Wenn die Spuren einer solch geheimen Existenz dann zufällig, gern auf Flohmärkten oder in Auktionshäusern, entdeckt, gelesen, bewahrt und aufgearbeitet werden, so dass die große Öffentlichkeit davon erfährt, und dabei auch noch ein künstlerisches Werk auftaucht, haben wir es mit einem veritablen Scoop zu tun. Aber reicht es schon, etwas bis dahin Unbekanntes zu entdecken, damit es für uns dauerhaft von Wert ist?

          Ungehobener Bilderschatz

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Im Fall von Vivian Maier, die von 1926 bis 2009 lebte, ist das offenbar bereits entschieden. Sie, von der niemand etwas wusste, bis vor einigen Jahren ungefähr hunderttausend Fotos auftauchten, die sie zwischen 1950 und ihrem Tod aufgenommen hat, wird inzwischen (jedenfalls in mehreren Büchern, die inzwischen mit ihren Bildern erschienen sind) in einem Atemzug mit den großen Straßenfotografen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts genannt, mit Helen Levitt, Lisette Model, Diane Arbus, André Kertész, Weegee oder Walker Evans. Möglicherweise hat Vivian Maier deren Fotos gekannt, aus Magazinen, vielleicht auch aus Ausstellungen. Vielleicht handelt es sich bei Ähnlichkeiten um gegenseitige Echos, Zufälle, um eine Art visuellen Zeitgeist, den jene teilten, die Szenen sahen, wo andere nur ein paar Menschen auf einem Haufen wahrnahmen.

          Der Mann, der die Fotos von Vivian Maier als anonyme Kiste mit Filmrollen kaufte, der sie entwickelte, Abzüge herstellte und sie schließlich digitalisierte, während er ununterbrochen nach weiteren Spuren dieser rätselhaften Person weiterforschte, heißt John Maloof und ist Stadthistoriker. Dieser Mann hat auch einen Film über den Fall gedreht. Über die Frau eher als über ihre Kunst: „Finding Vivian Maier“.

          Extentrisches Kindermädchen oder böse Fee?

          Vivian Maier? Sie war ein Kindermädchen. Geboren in New York, aufgewachsen weitgehend in einem kleinen Ort in Frankreich, dann zurück in den Vereinigten Staaten, wo sie in Chicago und New York lebte, ging ihr Ehrgeiz offenbar nie in eine andere Richtung. Dabei scheint sie nicht besonders nett zu den Kleinen gewesen zu sein, jedenfalls nicht immer, wenn man den Aussagen glauben schenken darf, die Maloof in seinem Film zusammengetragen hat.

          Bei manchen der längst erwachsenen Kinder von damals hat man den Eindruck, ihr Kindermädchen sei eine Art böse Fee gewesen, exzentrisch auf jeden Fall. Und alle bestätigen, wie unmöglich es dieser Frau gewesen sei, irgendetwas wegzuwerfen, weshalb sie ihre Zimmer immer sofort zumüllte, große Kisten mit dies und jenem anschleppte und als erstes bei jedem Umzug ein großes Schloss kaufte, mit dem sie ihre Zimmer verrammelte. Niemand wusste, was sie in diesen Kisten aufhob. Offenbar war es ihr Werk: in erster Linie unentwickelte Filme.

          Das Erfassen der Welt

          Denn während sie die Kinder in ihrer Obhut an einem Briefkasten abstellte oder auch sich selbst überließ, und darüber hinaus ununterbrochen in ihrer Freizeit, schoss diese Frau Fotos. Immer mit dem Blick für die besondere Situation, manchmal lustig, manchmal grausam, melancholisch oder einfach Schnappschüsse ihrer Zeit, die uns heute etwas von der Atmosphäre nahebringen, die auf den Straßen Chicagos damals herrschte.

          Es gibt ein Selbstporträt von Vivian Maier. Um den Hals hängt ihre Roleiflex. Die Frau selbst aber ist nur zur Hälfte zu sehen. Eine Seite verschwindet nämlich sozusagen, weil ein Schatten auf die Figur fällt und sie in zwei Hälften spaltet. Und darum geht es auch in diesem Film: dass ein Frau zur Hälfte verschwindet. Und mit der anderen Hälfte schießt – denn im Gegensatz zu den Fotografen, mit denen sie nun verglichen wird, ist eines ganz deutlich: Ihr ging es nicht um das Bewahren von Augenblicken. Sondern um das Erlegen der Welt.

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