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Video-Filmkritik : Die Hand Gottes, die Hand des Teufels

Bild: dpa

Wie der Fußballer Diego zu „Maradona“ mutierte: Asif Kapadias Film zeigt den Helden eines großen Dramas – farbig, vulgär, kompliziert, fesselnd von der ersten Minute an.

          4 Min.

          Sportlerfilme können etwas Ödes haben, weil ihr Material meistens die Bilder sind, die wir ohnehin kennen, und selten erreichen sie wegen der inhärenten Langeweile von Sportlern – kein Vorwurf – dramatisches Format. Bei „Diego Maradona“ ist das anders: farbiger, vulgärer, komplizierter, fesselnd von der ersten Minute an.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der Anfang des Films hat etwas von einem Mafia-Epos. Handkamera im Auto, eine Kavalkade fährt durch enge Straßen, Ziel: das Stadion San Paolo des SSC Neapel. Männer steigen aus, immer wieder greifen Hände nach einem kleinen, muskulösen Mann, der alles mit sich geschehen lässt, die Hände tätscheln, schützen, und die Grenze zwischen Bodyguard und Kerkermeister verwischt.

          5. Juli 1984, Tag der Präsentation von Diego Maradona als neuer Spieler von Napoli, dem Team der Underdogs aus dem Süden, die Fans von den reichen Klubs aus Mailand oder Turin als „Afrikaner Italiens“ verhöhnen, als Bettler und Dreckfresser. Maradona ist nach zwei mauen Jahren beim FC Barcelona hierhergekommen, und der britische Regisseur Asif Kapadia malt diese Wahl mit allem sozialen Pathos aus: Der selbst einmal bettelarme Fußballer aus Argentinien, der seine Familie ernährt, seit er fünfzehn Jahre alt ist, läuft ein, um dem Abschaum Italiens seine Würde zurückzugeben. Es sind wunderbare Bilder, körnig, wackelig, mit pulsierendem Rhythmus, im Zentrum ein jung und unschuldig aussehender Wuschelkopf, der wie träumend durch seine ersten Szenen geht. Mit diesem Mann – Kapadia zeigt sehr viele Spielszenen, und jede ist es wert – gewinnt Napoli 1987 erstmals die italienische Meisterschaft. Direkte Folge des Triumphs unter den Fans: fünf Ohnmachten, zwei Herzinfarkte. Für ein paar Jahre steht die Fußballhierarchie auf dem Kopf.

          Und dann mutierte Diego zu „Maradona“

          Was im Film danach kommt, ist eine Chronologie, die eher inneren Verläufen folgt. Ja, „die Hand Gottes“ bei der WM 1986 gegen England muss natürlich sein, auch das immer wieder unfassbare Dribbling gegen ein halbes Dutzend Gegner. Das ideologische Unterfutter des Sieges Argentiniens gegen England, auch für Maradona, war der vier Jahre zurückliegende Falkland-Krieg. Die Engländer ausgetrickst zu haben wurde zur symbolischen Rache für die militärisch verlorenen Malwinen, der süßeste Betrug der argentinischen Geschichte. Es stimmt wohl nicht ganz, was ein Journalist über Maradona gesagt hat: Kein Muskel in seinem Körper sei wichtiger als das Gehirn. Auch Pelés böser Satz, der argentinische Stürmer besitze „seelisch nicht das, was erforderlich ist“, hat etwas für sich. Doch viel mehr, als man durch Fußballsendungen oder Medienklatsch ahnen könnte, wurde hier eine Vorzeigefigur gebraucht und erbarmungslos in ein Produkt verwandelt, so wie die Scala die Callas in ein Produkt verwandelt hat: Maradona für Neapel, fürs Volk, aber auch für die Camorra, die ihn hofiert, seine Drogensucht ausnutzt und ihn wieder fallenlässt, als er eine Belastung geworden ist.

          Asif Kapadia ist ein Experte im Deuten von Bildern, mit denen die Wirklichkeit ihn überhäuft. Gekonnt gleitet er in seine Szenen hinein und wieder hinaus, und sehr bewusst lenkt er unseren Blick auf das hinter dem Glamour liegende Drama, wie er es schon 2010 bei seinem Film über den Rennfahrer Ayrton Senna und fünf Jahre später in seinem hochgelobten Amy-Winehouse-Porträt getan hat, für das er anderthalbtausend Stunden Bildmaterial auswertete.

          „Amy: The Girl Behind the Name“, diesen Titel könnte man für Argentiniens Superstar Maradona weiterspinnen. Denn eines der Leitmotive in Kapadias Film sind die zwei Namen und die zwei Figuren, die in diesem kompakten, mit singulärem Talent ausgestatteten Körper nebeneinander hausten: hier „Diego“, der Junge aus den Vorstadt-Slums von Buenos Aires, der nicht nur sich selbst, sondern die ganze achtköpfige Familie mit seiner Fußballkunst aus dem Elend holte, ihnen fließendes Wasser gab und elektrischen Strom und endlich etwas anderes als eine verdreckte Baracke. Und dann mutierte Diego zu „Maradona“, dem gefeierten Helden, dem gottähnlichen Geschöpf, das alle angrabschen und von dem jeder ein Stückchen haben will, und dass der eine gut war und der andere viel weniger, das sagt im Film niemand so deutlich wie sein persönlicher Coach Fernando Signorini, der neben ihm alt wird und jeden vergossenen Schweißtropfen kennt: „Mit Diego laufe ich bis ans Ende der Welt. Aber mit Maradona gehe ich keinen Schritt.“

          Es bleibt in der Familie

          Der Formel-1-Fahrer Senna starb mit vierunddreißig Jahren, Amy Winehouse mit siebenundzwanzig. Diego Maradona, Jahrgang 1960, hatte das Pech, am Leben bleiben zu müssen, und läuft bis heute als Karikatur seiner selbst herum. Kapadias Film begleitet ihn bis in die schlimmen, demütigenden und für jeden Betrachter peinlichen Jahre hinein, die Skandale, das Koksen, aber hier schützt der Regisseur seine Hauptfigur und lässt nur noch ganz wenige Bilder sprechen – den Schwerbäuchigen beim Freizeitkick, aus diskreter Entfernung gefilmt, oder einen tränenreichen Talkshowauftritt. Den Rest soll sich das Publikum selbst denken. Nicht nur, weil der ganze visuelle Dreck ohnehin mit einem Tastenklick im Netz zu haben wäre. Sondern weil Kapadia die Lebens- und Erfolgskurve dieses Lebens als klare Linie zeigen will, nicht als blind machenden Feuerschweif. Einer der intensivsten Momente kommt, als Maradona mit Kameraden beim Abendessen sitzt, er will längst aus Neapel weg, doch man lässt ihn nicht, und während der Ton erstirbt und die Kamera schmerzhaft lange auf seinem Gesicht bleibt, sieht man einen tieftraurigen Mann, der es einfach nicht besser weiß.

          Am Ende des Films steht Maradona vor der Tür seines unehelichen Sohnes. Es ist eine billige Metalltür, er wartet darauf, dass ihm aufgemacht wird, und immer noch hängen ihm Reporter an den Fersen. Endlich wird geöffnet. Der Sohn tritt heraus und umarmt den Vater, so wie eine Generation zuvor ein Fabrikarbeiter aus dem Slum Villa Fiorito seinen hochbegabten Fußballersohn umarmt hat. Es bleibt in der Familie, könnte man sagen, etwas zumindest ist gerettet. Aber die Bilder all dieser Berührungen, des Umarmens, Betätschelns und Begrabschens sind doppeldeutig. Ist es ein Festhalten? Ein In-Besitz-Nehmen? Nur Show? Wer selbst Diego Maradona gewesen sein wollte, mit allem, was an ihm gezerrt hat, ihm, dem am Ende doch einfachen und schwachen Menschen, der hätte Kapadias bewegenden Film nicht verstanden.

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