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Video-Filmkritik : Die Hand Gottes, die Hand des Teufels

„Amy: The Girl Behind the Name“, diesen Titel könnte man für Argentiniens Superstar Maradona weiterspinnen. Denn eines der Leitmotive in Kapadias Film sind die zwei Namen und die zwei Figuren, die in diesem kompakten, mit singulärem Talent ausgestatteten Körper nebeneinander hausten: hier „Diego“, der Junge aus den Vorstadt-Slums von Buenos Aires, der nicht nur sich selbst, sondern die ganze achtköpfige Familie mit seiner Fußballkunst aus dem Elend holte, ihnen fließendes Wasser gab und elektrischen Strom und endlich etwas anderes als eine verdreckte Baracke. Und dann mutierte Diego zu „Maradona“, dem gefeierten Helden, dem gottähnlichen Geschöpf, das alle angrabschen und von dem jeder ein Stückchen haben will, und dass der eine gut war und der andere viel weniger, das sagt im Film niemand so deutlich wie sein persönlicher Coach Fernando Signorini, der neben ihm alt wird und jeden vergossenen Schweißtropfen kennt: „Mit Diego laufe ich bis ans Ende der Welt. Aber mit Maradona gehe ich keinen Schritt.“

Es bleibt in der Familie

Der Formel-1-Fahrer Senna starb mit vierunddreißig Jahren, Amy Winehouse mit siebenundzwanzig. Diego Maradona, Jahrgang 1960, hatte das Pech, am Leben bleiben zu müssen, und läuft bis heute als Karikatur seiner selbst herum. Kapadias Film begleitet ihn bis in die schlimmen, demütigenden und für jeden Betrachter peinlichen Jahre hinein, die Skandale, das Koksen, aber hier schützt der Regisseur seine Hauptfigur und lässt nur noch ganz wenige Bilder sprechen – den Schwerbäuchigen beim Freizeitkick, aus diskreter Entfernung gefilmt, oder einen tränenreichen Talkshowauftritt. Den Rest soll sich das Publikum selbst denken. Nicht nur, weil der ganze visuelle Dreck ohnehin mit einem Tastenklick im Netz zu haben wäre. Sondern weil Kapadia die Lebens- und Erfolgskurve dieses Lebens als klare Linie zeigen will, nicht als blind machenden Feuerschweif. Einer der intensivsten Momente kommt, als Maradona mit Kameraden beim Abendessen sitzt, er will längst aus Neapel weg, doch man lässt ihn nicht, und während der Ton erstirbt und die Kamera schmerzhaft lange auf seinem Gesicht bleibt, sieht man einen tieftraurigen Mann, der es einfach nicht besser weiß.

Am Ende des Films steht Maradona vor der Tür seines unehelichen Sohnes. Es ist eine billige Metalltür, er wartet darauf, dass ihm aufgemacht wird, und immer noch hängen ihm Reporter an den Fersen. Endlich wird geöffnet. Der Sohn tritt heraus und umarmt den Vater, so wie eine Generation zuvor ein Fabrikarbeiter aus dem Slum Villa Fiorito seinen hochbegabten Fußballersohn umarmt hat. Es bleibt in der Familie, könnte man sagen, etwas zumindest ist gerettet. Aber die Bilder all dieser Berührungen, des Umarmens, Betätschelns und Begrabschens sind doppeldeutig. Ist es ein Festhalten? Ein In-Besitz-Nehmen? Nur Show? Wer selbst Diego Maradona gewesen sein wollte, mit allem, was an ihm gezerrt hat, ihm, dem am Ende doch einfachen und schwachen Menschen, der hätte Kapadias bewegenden Film nicht verstanden.

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