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Video-Filmkritik : Das Chaos aus dem Hintergrund

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

In Asghar Farhadis Film „Offenes Geheimnis“ mit Penélope Cruz und Javier Bardem wird ein Mädchen in einem spanischen Dorf entführt. Sein Verschwinden legt die vergessen geglaubten Geheimnisse einer Familie frei.

          4 Min.

          In einem spanischen Dorf ist gerade eine Hochzeit im Gange, da läuten plötzlich die Glocken. Für den festlichen Auszug des Brautpaars ist es zu früh, der Gottesdienst ist noch nicht zu Ende. Geistesgegenwärtig nutzt der Pfarrer die Gelegenheit, um auf den desolaten Zustand des Kirchturms hinzuweisen: Jetzt machen sich auch schon die Glocken selbstständig! Vielleicht findet sich ja ein Gönner, der für eine Renovierung spendet. Der Pfarrer nimmt dabei eine schöne Frau ins Visier, Laura. Sie ist aus Argentinien zu dieser Hochzeit angereist. Ihr Mann hat früher schon einmal für die Kirche Geld gegeben. Nun ist er gar nicht mitgekommen, der Spendenappell geht aber nicht nur deswegen ins Leere.

          Die Glocken läuten auch gar nicht wegen eines Defekts. Sie läuten aus Überschwang. Irene, die 16 Jahre alte Tochter von Laura, hat sich im Kirchturm mit einem schüchternen Jungen verkrochen. Sie bringt mit ihrer ungebärdigen Energie das ganze Dorf durcheinander. Und sie wird danach auch noch auf eine andere Weise zu der zentralen Figur in dem Film „Offenes Geheimnis“ von Asghar Farhadi. Denn als die Hochzeit gerade auf dem Höhepunkt ist, und der Wein und die Musik schon dazu beitragen, dass niemand mehr so richtig den Überblick hat, da stellt sich plötzlich heraus, dass Irene verschwunden ist.

          Nun beginnt ein Thriller

          Die ganze Geschichte davor war nur Exposition. Nun beginnt ein Thriller, dem äußeren Anschein nach auch eine Kriminalgeschichte, doch in Wirklichkeit interessiert sich der iranische Regisseur Asghar Farhadi in seinem zweiten europäischen Film vor allem für das vielschichtige Innenleben einer Großfamilie. Der Kirchturm enthält dafür ein Bild: In den ersten Szenen zeigt Farhadi das Uhrwerk, das hinter der Turmuhr liegt. Normalerweise läuten die Glocken, um den regelmäßigen Lauf der Zeit zu bekräftigen, manchmal läuten sie, wenn es etwas zu feiern gibt. Bei Farhadi läuten sie, um das untergründige Chaos nach außen zu tragen.

          Die Hochzeit ist schon in vollem Gange, dann beginnen die Kirchenglocken noch einmal zu läuten.

          Laura und ihre Familie sehen sich mit einer Lösegeldforderung konfrontiert. 300.000 Euro. Das ist eine große Summe, aber sie ist wiederum nicht so groß, als dass man sie nicht vielleicht innerhalb einer weitverzweigten Familie aufbringen könnte. Die Summe ist wohl mit Bedacht so gewählt, dass die Geschichte im privaten Bereich bleiben könnte. Keine Polizei, das ist zwar eine übliche Forderung bei Entführungen, in diesem Fall aber ist sie doppelt sinnvoll, denn für Farhadi ist das Verbrechen vor allem ein Anlass, die Geheimnisse der Familie von Laura allmählich freizulegen. Es sind offene Geheimnisse, weil sie schon lange Gegenstand von Vermutungen und Tratsch waren, so richtig geöffnet werden die Geheimnisse aber erst jetzt, da unter dem Druck der Ereignisse die innere Mechanik eines Verwandtschaftsverbunds erkennbar wird.

          Dass man bei „Offenes Geheimnis“ (auf spanisch „Todos lo saben“, also etwa „Alle wissen es“) an psychosoziale Hebelwirkungen denken mag, hat mit dem Bild vom Uhrwerk zu tun, vor allem aber auch mit der Begabung von Asghar Farhadi, menschliche Beziehungen in komplexen Anordnungen von Zuneigungen und Abhängigkeiten, von Freiheit und Bedingtheit zu gestalten. Das war beispielhaft so in dem Film, mit dem er sich im Weltkino etablieren konnte: „Nader und Simin – Eine Trennung“ aus dem Jahr 2011 erzählte von zwei Familien in Teheran, von Klassenverhältnissen in einer nachrevolutionären Gesellschaft und von dem Gift des Argwohns, das Beziehungen zersetzt, sobald etwas Unvermutetes geschieht. Schon damals mochte man bei der meisterlichen Dramaturgie an ein Uhrwerk denken, aber es war ein Uhrwerk, an dem vor allem die Spannungskräfte ins Auge fielen.

          Irene, Lauras Tochter, bringt mit ihrer ungebärdigen Energie das ganze Dorf durcheinander.

          Farhadi hat seither abwechselnd in Europa und in Iran gearbeitet, er drehte in Frankreich „Le passé“ und danach in seiner Heimat „The Salesman“. Mit „Offenes Geheimnis“ ist er nun am oberen Ende eines internationalen Qualitätskinos angelangt, das seinen Anspruch vor allem mit den beiden Hauptdarstellern erkennen lässt: Penélope Cruz und Javier Bardem sind spanische Weltstars, die mühelos zwischen Hollywood und europäischem Arthouse pendeln. Im Mai dieses Jahres eröffnete dieser Film die Filmfestspiele in Cannes, womit die vielfachen Synergien schon einmal ihren Zweck erfüllt hatten.

          Die Logik der Starpersönlichkeiten strahlt auch auf den Plot zurück. Denn Cruz und Bardem spielen in „Offenes Geheimnis“ das eigentliche Paar: Laura und Paco sind gemeinsam aufgewachsen, sie waren auch einmal zusammen. Das war damals, vor 16 Jahren, bevor sie nach Argentinien ging, wo Irene zur Welt kam. Paco ist inzwischen ein erfolgreicher Weinbauer und ist mit Bea zusammen. Über Lauras Mann Alejandro, der schließlich doch noch nachkommt, reden die Leute nicht nur Gutes. Das Wichtigste aber ist, dass außer Paco niemand Geld hat. Genau genommen hat auch Paco nichts, aber er hat immerhin sein Weingut. Mit diesem Gut hat es wiederum eine Bewandtnis, die auf dem Grund der angespannten Beziehungen in der erweiterten Familie liegt. Denn das Land, auf dem Paco nun Weintrauben anbaut, gehörte einst der Familie von Laura. Sie stammt aus der alten Herrenfamilie im Dorf, und so richtig haben sich einige Mitglieder noch nicht mit dem Verlust an Status und Prestige, den sie im nachfeudalen Spanien erleben mussten.

          Das Verbrechen ist ein Anlass, die Geheimnisse von Lauras (Penélope Cruz) Familie freizulegen, die schon lange Gegenstand von Tratsch waren.

          Auf dieser Ebene steckt in „Offenes Geheimnis“ sogar noch ein Vergleichsmoment mit „Nader und Simin“, denn Farhadi ist eben ein Filmemacher aus einer nachrevolutionären Gesellschaft. Er interessiert sich auch in Spanien noch für die Überreste von älteren Ordnungen, für das spannungsvolle Ineinander von sedimentierten Herrschaftsbeziehungen und modernem Individualismus. Man kann „Offenes Geheimnis“ damit vor allem als ein Experiment mit einem humanistischen Universalismus sehen: Mit seinem neuen Film deutet Farhadi an, dass familiäre und soziale Verhältnisse gar nicht so sehr durch Kulturen geprägt sind, sondern – für einen Künstler mit einem darauf geschärften Blick – überall gleich sind. Sein großer iranischer Kollege Abbas Kiarostami widmete dieser Frage übrigens ein spätes Meisterwerk: „Copie conforme“ wurde in der Toskana gedreht und enthält eine brillante Reflexion auf die Übertragbarkeit von Stoffen und Motiven zwischen den Orten und Zeiten.

          Farhadi hingegen verzichtet auf konzeptuelle Anspielungen. Er setzt auf die Unmittelbarkeit der leuchtenden Landschaft, auf die psychologische Plausibilität der Schauspieler, und auf die Attraktion seines Uhrwerks. „Offenes Geheimnis“ ist im Grunde selbst so etwas wie eine Hochzeit: ein großer Filmemacher, der in seiner Heimat mit Sozialkritik vielleicht auch an die Grenzen eines Zensurregimes stößt, vermählt seine Erzählkunst mit den Konventionen eines bürgerlichen Familienkinos, und stößt damit an Grenzen, die der Filmtitel unfreiwillig verrät: Was er hier zeigt, ist im Wesentlichen schon bekannt.

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