https://www.faz.net/-gs6-9es7g

Video-Filmkritik : Das Chaos aus dem Hintergrund

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

In Asghar Farhadis Film „Offenes Geheimnis“ mit Penélope Cruz und Javier Bardem wird ein Mädchen in einem spanischen Dorf entführt. Sein Verschwinden legt die vergessen geglaubten Geheimnisse einer Familie frei.

          In einem spanischen Dorf ist gerade eine Hochzeit im Gange, da läuten plötzlich die Glocken. Für den festlichen Auszug des Brautpaars ist es zu früh, der Gottesdienst ist noch nicht zu Ende. Geistesgegenwärtig nutzt der Pfarrer die Gelegenheit, um auf den desolaten Zustand des Kirchturms hinzuweisen: Jetzt machen sich auch schon die Glocken selbstständig! Vielleicht findet sich ja ein Gönner, der für eine Renovierung spendet. Der Pfarrer nimmt dabei eine schöne Frau ins Visier, Laura. Sie ist aus Argentinien zu dieser Hochzeit angereist. Ihr Mann hat früher schon einmal für die Kirche Geld gegeben. Nun ist er gar nicht mitgekommen, der Spendenappell geht aber nicht nur deswegen ins Leere.

          Die Glocken läuten auch gar nicht wegen eines Defekts. Sie läuten aus Überschwang. Irene, die 16 Jahre alte Tochter von Laura, hat sich im Kirchturm mit einem schüchternen Jungen verkrochen. Sie bringt mit ihrer ungebärdigen Energie das ganze Dorf durcheinander. Und sie wird danach auch noch auf eine andere Weise zu der zentralen Figur in dem Film „Offenes Geheimnis“ von Asghar Farhadi. Denn als die Hochzeit gerade auf dem Höhepunkt ist, und der Wein und die Musik schon dazu beitragen, dass niemand mehr so richtig den Überblick hat, da stellt sich plötzlich heraus, dass Irene verschwunden ist.

          Nun beginnt ein Thriller

          Die ganze Geschichte davor war nur Exposition. Nun beginnt ein Thriller, dem äußeren Anschein nach auch eine Kriminalgeschichte, doch in Wirklichkeit interessiert sich der iranische Regisseur Asghar Farhadi in seinem zweiten europäischen Film vor allem für das vielschichtige Innenleben einer Großfamilie. Der Kirchturm enthält dafür ein Bild: In den ersten Szenen zeigt Farhadi das Uhrwerk, das hinter der Turmuhr liegt. Normalerweise läuten die Glocken, um den regelmäßigen Lauf der Zeit zu bekräftigen, manchmal läuten sie, wenn es etwas zu feiern gibt. Bei Farhadi läuten sie, um das untergründige Chaos nach außen zu tragen.

          Die Hochzeit ist schon in vollem Gange, dann beginnen die Kirchenglocken noch einmal zu läuten.

          Laura und ihre Familie sehen sich mit einer Lösegeldforderung konfrontiert. 300.000 Euro. Das ist eine große Summe, aber sie ist wiederum nicht so groß, als dass man sie nicht vielleicht innerhalb einer weitverzweigten Familie aufbringen könnte. Die Summe ist wohl mit Bedacht so gewählt, dass die Geschichte im privaten Bereich bleiben könnte. Keine Polizei, das ist zwar eine übliche Forderung bei Entführungen, in diesem Fall aber ist sie doppelt sinnvoll, denn für Farhadi ist das Verbrechen vor allem ein Anlass, die Geheimnisse der Familie von Laura allmählich freizulegen. Es sind offene Geheimnisse, weil sie schon lange Gegenstand von Vermutungen und Tratsch waren, so richtig geöffnet werden die Geheimnisse aber erst jetzt, da unter dem Druck der Ereignisse die innere Mechanik eines Verwandtschaftsverbunds erkennbar wird.

          Dass man bei „Offenes Geheimnis“ (auf spanisch „Todos lo saben“, also etwa „Alle wissen es“) an psychosoziale Hebelwirkungen denken mag, hat mit dem Bild vom Uhrwerk zu tun, vor allem aber auch mit der Begabung von Asghar Farhadi, menschliche Beziehungen in komplexen Anordnungen von Zuneigungen und Abhängigkeiten, von Freiheit und Bedingtheit zu gestalten. Das war beispielhaft so in dem Film, mit dem er sich im Weltkino etablieren konnte: „Nader und Simin – Eine Trennung“ aus dem Jahr 2011 erzählte von zwei Familien in Teheran, von Klassenverhältnissen in einer nachrevolutionären Gesellschaft und von dem Gift des Argwohns, das Beziehungen zersetzt, sobald etwas Unvermutetes geschieht. Schon damals mochte man bei der meisterlichen Dramaturgie an ein Uhrwerk denken, aber es war ein Uhrwerk, an dem vor allem die Spannungskräfte ins Auge fielen.

          Weitere Themen

          Man soll sich ja auch mal entsetzen dürfen Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Van Gogh“ : Man soll sich ja auch mal entsetzen dürfen

          Warum sich dieses Opus anfühlt, wie ein Transformers-Film, nur andersrum, und warum man statt mit Popcorn zu werfen weder Adrenalin-Schauer bekommt, noch gerührt das Kino verlässt, aber sich doch vielleicht ein Malen-nach-Zahlen-Buch kauft, verrät Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Russland-Affäre : Amerika wartet auf den Mueller-Bericht

          Der amerikanische Justizminister will am Donnerstag den Abschlussbericht von Russland-Sonderermittler Mueller an den Kongress weitergeben. Die Demokraten ärgert, dass Donald Trump schon vorab informiert wurde.

          Hetze der AfD : Der giftige Reflex der Schuldzuweisung

          Während Notre-Dame de Paris noch brannte, verdächtigte die AfD bereits öffentlich Muslime der Brandstiftung. Über politische Positionen lässt sich diskutieren – über dumme Hetze und Niedertracht nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.