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Video-Filmkritik : Das Chaos aus dem Hintergrund

  • -Aktualisiert am
Irene, Lauras Tochter, bringt mit ihrer ungebärdigen Energie das ganze Dorf durcheinander.

Farhadi hat seither abwechselnd in Europa und in Iran gearbeitet, er drehte in Frankreich „Le passé“ und danach in seiner Heimat „The Salesman“. Mit „Offenes Geheimnis“ ist er nun am oberen Ende eines internationalen Qualitätskinos angelangt, das seinen Anspruch vor allem mit den beiden Hauptdarstellern erkennen lässt: Penélope Cruz und Javier Bardem sind spanische Weltstars, die mühelos zwischen Hollywood und europäischem Arthouse pendeln. Im Mai dieses Jahres eröffnete dieser Film die Filmfestspiele in Cannes, womit die vielfachen Synergien schon einmal ihren Zweck erfüllt hatten.

Die Logik der Starpersönlichkeiten strahlt auch auf den Plot zurück. Denn Cruz und Bardem spielen in „Offenes Geheimnis“ das eigentliche Paar: Laura und Paco sind gemeinsam aufgewachsen, sie waren auch einmal zusammen. Das war damals, vor 16 Jahren, bevor sie nach Argentinien ging, wo Irene zur Welt kam. Paco ist inzwischen ein erfolgreicher Weinbauer und ist mit Bea zusammen. Über Lauras Mann Alejandro, der schließlich doch noch nachkommt, reden die Leute nicht nur Gutes. Das Wichtigste aber ist, dass außer Paco niemand Geld hat. Genau genommen hat auch Paco nichts, aber er hat immerhin sein Weingut. Mit diesem Gut hat es wiederum eine Bewandtnis, die auf dem Grund der angespannten Beziehungen in der erweiterten Familie liegt. Denn das Land, auf dem Paco nun Weintrauben anbaut, gehörte einst der Familie von Laura. Sie stammt aus der alten Herrenfamilie im Dorf, und so richtig haben sich einige Mitglieder noch nicht mit dem Verlust an Status und Prestige, den sie im nachfeudalen Spanien erleben mussten.

Das Verbrechen ist ein Anlass, die Geheimnisse von Lauras (Penélope Cruz) Familie freizulegen, die schon lange Gegenstand von Tratsch waren.

Auf dieser Ebene steckt in „Offenes Geheimnis“ sogar noch ein Vergleichsmoment mit „Nader und Simin“, denn Farhadi ist eben ein Filmemacher aus einer nachrevolutionären Gesellschaft. Er interessiert sich auch in Spanien noch für die Überreste von älteren Ordnungen, für das spannungsvolle Ineinander von sedimentierten Herrschaftsbeziehungen und modernem Individualismus. Man kann „Offenes Geheimnis“ damit vor allem als ein Experiment mit einem humanistischen Universalismus sehen: Mit seinem neuen Film deutet Farhadi an, dass familiäre und soziale Verhältnisse gar nicht so sehr durch Kulturen geprägt sind, sondern – für einen Künstler mit einem darauf geschärften Blick – überall gleich sind. Sein großer iranischer Kollege Abbas Kiarostami widmete dieser Frage übrigens ein spätes Meisterwerk: „Copie conforme“ wurde in der Toskana gedreht und enthält eine brillante Reflexion auf die Übertragbarkeit von Stoffen und Motiven zwischen den Orten und Zeiten.

Farhadi hingegen verzichtet auf konzeptuelle Anspielungen. Er setzt auf die Unmittelbarkeit der leuchtenden Landschaft, auf die psychologische Plausibilität der Schauspieler, und auf die Attraktion seines Uhrwerks. „Offenes Geheimnis“ ist im Grunde selbst so etwas wie eine Hochzeit: ein großer Filmemacher, der in seiner Heimat mit Sozialkritik vielleicht auch an die Grenzen eines Zensurregimes stößt, vermählt seine Erzählkunst mit den Konventionen eines bürgerlichen Familienkinos, und stößt damit an Grenzen, die der Filmtitel unfreiwillig verrät: Was er hier zeigt, ist im Wesentlichen schon bekannt.

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