https://www.faz.net/-gs6-8llty

Video-Filmkritik : Intimität zwischen Geburt und Tod

Bild: dpa

Die Moral kann hier nicht mithalten: Anne Zohra Berracheds Kino-Drama „24 Wochen“ über eine Spätabtreibung lehrt etwas Seltenes – Demut vor dem Leben, wie es gerade kommt.

          Der Titel dieses Films benennt sein Thema: eine Abtreibung nach 24 Wochen. Er wird - als „24 Wochen“ bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb lief (wo er leer ausging), war das so - für Diskussionen, Streit, Aufregung sorgen. Wobei es weniger der Film selbst sein dürfte, der für kontroverse Meinungen verantwortlich ist, als die Frage: Darf man das? Ein Kind, das bereits lebensfähig wäre, im Mutterleib töten, weil es schwerbehindert zur Welt käme?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „24 Wochen“ ist aber keine Vorlesung zum Thema Spätabtreibung. Keine Diskussionsveranstaltung mit Pro und Contra, sondern ein Film. Ein Spielfilm, zu dem die Regisseurin Anne Zohra Berrached mit Carl Gerber gemeinsam das Drehbuch geschrieben hat, ein Film, in dem Julia Jentsch und Bjarne Mädel und Emilia Pieske Rollen spielen, und zwar die Rollen von Mutter, Vater, Kind, die ein weiteres Kind erwarten. Ein Film aber auch, in dem die Rollen des Pränataldiagnostikers und des Kinderherzchirurgen und des Geburtsmediziners von einem Pränataldiagnostiker, einem Kinderherzchirurgen und einem Geburtsmediziner gespielt werden. Weitere Menschen, die sich selbst spielen, gehören in die Welt des deutschen Kabaretts, denn Astrid, die Mutter, ist Kabarettistin, die über Land und durch die entsprechenden Fernsehsendungen tingelt, manchmal auch Radio macht. Man kennt sie in der Szene. Das Publikum für solcherlei erkennt sie wieder. Sie ist eine Frau, die auf alles eine schlagfertige Antwort hat.

          Für ein Publikum, das selbst denkt

          Diese Vorrede ist wichtig, um zu zeigen, worum es hier außer dem Thema auch noch geht: um ein ästhetisches Konstrukt. Nicht um Bilder zu einem Problem, das in einem Essay, einem Kommentar, einer Vorlesung besser aufgehoben wäre, sondern um etwas, das sich im Fiktionalen darstellen lässt, während es in einer Diskussion gar nicht sichtbar würde. Nicht die zentrale Frage, ob Astrid sich für die späte Abtreibung ihres schwerbehinderten Kindes entscheiden wird, gar sollte, bildet das Kraftzentrum des Films, sondern die Frage: Was macht die Möglichkeit dieser Entscheidung mit der Intimität? Wobei die Möglichkeit der Entscheidung auch bedeutet, dass sie eine Notwendigkeit ist. Einmal in Gang gesetzt, haben die pränatalen diagnostischen Methoden Folgen: Eine Entscheidung für oder gegen das Kind muss getroffen werden, eine Entscheidung also um Leben oder Tod.

          Das ist eine komplexe Ausgangslage, und dass Anne Zohra Berrached furchtlos in ihren Mitteln auf sie zugeht, ist erstaunlich, es ist erst der zweite lange Spielfilm dieser Regisseurin. Der erste war vor einigen Jahren „Zwei Mütter“, da ging es um die Erfüllung eines Kinderwunsches von zwei Frauen, die hier in einer Szene kurz wiederauftauchen. Furchtlos heißt: Manchmal spielt die Musik genau dann, wenn man es erwartet, furchtlos heißt aber auch, dass die physische Grausamkeit des Abtreibungsakts zu diesem Zeitpunkt ebenso wie die Entsetzlichkeit der vermutlich notwendigen Operationen nach einer Geburt nicht beschönigt werden. Und furchtlos heißt vor allem: Dies ist ein Film, der kein Urteil parat hat. Ein Film, der nicht vorgibt, zu wissen, was das Richtige wäre. Ein Film also für ein Publikum, das selbst denkt.

          Das letzte Wort

          Astrid hat einen Mann, Markus - „wie Sie sehen, mache ich Gebrauch von ihm“, sagt sie bei einem Auftritt und deutet auf ihren Schwangerschaftsbauch -, der auch ihr Manager ist. Und eine Tochter, die sich auf ein Geschwisterkind freut. Der Mann begleitet sie zu ihren Auftritten, er begleitet sie zu den Untersuchungs- und Arztterminen. Die beiden haben etwas Seltenes miteinander, eine Vertrautheit, die bis zum Nägelschneiden reicht, die beiden aber auch Raum lässt. Als die Fruchtwasseruntersuchung bei dem Ungeborenen ein Down-Syndrom feststellt, überlegen sie gemeinsam, verzweifeln sie gemeinsam, fangen sich gemeinsam, treffen Menschen mit Down-Syndrom, organisieren und entscheiden sich, das Kind zu bekommen. Bei einer späteren Untersuchung wird ein schwerer Herzfehler festgestellt. Die Ärzte, nüchtern, aber nicht grausam weisen auf die Möglichkeit hin, sich immer noch gegen das Kind zu entscheiden.

          An dieser Stelle hört die Gemeinsamkeit zwischen Astrid und Markus auf. Astrid hat das letzte Wort. Die Macht der Entscheidung. Und die Verantwortung. Was immer sie auch tut - sie muss damit leben.

          So weit kann die Vertrautheit nicht reichen

          Dass eine Erfahrung nicht mehr weggeht, wenn man eine Entscheidung getroffen hat - das ist kaum auszuhalten in einer Gesellschaft, auch das zeigt dieser Film, die vom Machbarkeitswahn befallen ist. Die kein Schicksal mehr kennen will, keine Demut vor dem Leben, wie es sich ergibt. Wobei das nicht Astrid meint, sondern alle, die im Bild sind. Die technischen Möglichkeiten, die diagnostischen Methoden überfordern den Menschen. Die Moral kann nicht mithalten, wie sollte sie?

          Ein Blick, eine Berührung, ein Sich-Abwenden. Die Frage, ob eine halbe, eines Abends gerauchte Zigarette zu der Behinderung geführt haben könnte und die Antwort, Rauchen habe mit der Chromosomenzahl nichts zu tun, Spielen mit Nele, Nele vergessen - das sind die Merkmale der besonderen Vertrautheit zwischen Astrid und Markus, die eine Weile lang bilderbuchmäßig funktioniert, aber nicht dahin reicht, nicht dahin reichen kann, wohin dieser Film seine Zuschauer führt. „Man kann diese Entscheidung nicht treffen, wenn man sie nicht treffen muss“, sagt die Hebamme, die Astrid zur Seite steht. Auch dies ein Augenblick fast schmerzhafter Intimität, die aber doch nicht zu einer geteilten Verantwortung, einer gemeinsamen Entscheidung führen kann. Und auch als Markus auftaucht und sagt, er geht mit, bis zum Ende, heißt das nicht, Astrid wäre weniger allein. Das Recht auf den eigenen Körper, von den Frauen so mühsam erkämpft, bedeutet, dass sie entscheiden kann. Was es heißt, dass sie entscheiden muss, auch das zeigt dieser Film.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unter Druck: AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel am Donnerstag im Bundestag

          Spendenaffäre : Eine Blamage für die AfD

          Die Spendenaffäre ist für die AfD eine inhaltliche Bankrotterklärung. Sie belegt die tief in der Partei verankerte Verantwortungslosigkeit, die innerhalb der AfD gerne als Freiheit verkauft wird. Ein Kommentar.

          Brexit-Krise : Muss May in drei Monaten zurücktreten?

          Großbritannien will am 29. März aus der EU austreten – wenn es nach May geht zur Not auch ohne Abkommen mit Brüssel. Danach könnte für die Premierministerin Schluss sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.