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Doku „Cunningham“ im Kino : In der Präsenz eines Genies

  • -Aktualisiert am

Bild: Camino Filmverleih

Alla Kovgan setzt mit dem dreidimensionalen Dokumentarfilm „Cunningham“ einem unvergleichlichen Choreographen das erste werkgerechte filmische Denkmal.

          3 Min.

          Man kann sich das alles nicht groß genug vorstellen. Wie es zuging zwischen Merce Cunningham und John Cage, den Lebens- und Kunstgefährten, zwischen nie gesehenem Tanz und neuer Musik, wie sie verfuhren mit ihren ästhetischen Prämissen, ihren Konzepten von wechselseitiger entwerferischer Freiheit, wie sie ihr Leben in geteilter Disziplin verbrachten. Wie sie die Armut als Fabriketagenkünstler und den abstrakten Expressionismus gleich mit überwanden und um die Welt reisten in einem bis an die Halskrause vollen VW-Bus, mit neun Tänzern, und mit Robert Rauschenberg, ihrem wundervollen, schwierigen Künstlerischen Direktor. Lächelnd über ihre jeweils neuesten (Genie-)Streiche, lachende Zen-Buddhisten, denen nichts fremder war als Unbescheidenheit oder die Idee, in ein Kunstwerk ihre Gefühle und Meinungen oder gar die Ideologien Dritter zu ergießen.

          Diese große Zeit der Freiheit, Liebe und schöpferischen Erfindungskraft, die auf nackten Füßen und zu den Klängen eines präparierten Klaviers begann, schildert die Regisseurin Alla Kovgan in ihrem stillen, großartigen, farbgewitterleuchtenden 3D-Dokumentarfilm „Cunningham“. Der Film, der aus historischen, häufig schwarzweißen Fotografien und Filmaufnahmen und neu aufgenommenen choreographischen Auszügen der Werke Cunninghams besteht, setzt sich mit der Epoche von 1942 bis 1972 auseinander. Warum die Zäsur eben hier zu setzen wäre, begründet Kovgan mit der Beobachtung, um jene Zeit seien die letzten Mitglieder der ersten Generation der Merce Cunningham Dance Company (MCDC) aus dem Ensemble ausgeschieden. Das ist nicht zwingend, aber legitim. Und irgendwo muss sie stoppen, denn mehr als sechzig Jahre Arbeit und fast zweihundert Stücke passen nie in neunzig Minuten. Richtig ist natürlich, dass Tänzerinnen wie Carolyn Brown oder Viola Farber über ihre intellektuellen Fähigkeiten, ihr technisches Verständnis und die galaktische Schönheit ihrer Auftritte als Musen in abstrakter Umgebung hinaus das Schaffen des Choreographen geprägt haben. Und doch kamen nach ihnen bis zum Ende der Company zwei Jahre nach dem Tod ihres Gründers 2009 weitere Generationen phantastischer zweibeiniger Athleten, die ebenso genau wussten, was sie taten, und tanztechnisch eher noch besser waren – wie überall auf der Welt zu beobachten.

          Die eine Hälfte der Tanzwelt ist 2009 in Trauer versunken, als Merce Cunningham starb, die andere, als Pina Bauschs Leben zu Ende ging. Die wenigsten dürften beiden gleich stark anhängen, zu verschieden sind die Tanzentwürfe. Erwies Wim Wenders der großen Pina Bausch eine Hommage mit seinem 3D-Film, holt Kovgan dies nun für den nicht minder großen Cunningham nach, den die Welt, obwohl er persönlich so zurückhaltend mit ihr umging, Merce nannte, so wie alle Pina sagten und sagen. In beiden Fällen ist es Ausdruck einer Verehrung, die aus dem tiefen Gefühl entspringt, die betreffende Kunst meine einen selbst, treffe einen direkt in Herz, Seele, Körper und Verstand, wie auch aus der Erfahrung der Anwesenheit von Genie. Kovgan gelingt es durchaus, Cunninghams Charisma auf Zelluloid zu bannen. Es überträgt sich, wenn man ihn tanzen sieht, wenn er spricht, probt oder unterrichtet. Noch einmal zieht die Revolution, die er und seine kämpferischen Kunstgefährten anzettelten, an unseren staunenden Augen und ungläubigen Ohren vorbei.

          Wie unbelebt erschien plötzlich die Welt!

          Dieser Faun springt mit einem Stuhl auf dem Rücken auf die Bühne? Dieser keckernde polyrhythmische Krach und technische Noise, das ist die Musik? Es gibt zwischen Komponist und Choreograph keinerlei Absprachen außer der über die Zeitlänge? Auch sieht nur der Bühnen- und Kostümbildner die Ausstattung vor der Premiere, keiner der anderen Beteiligten? Was man auch nicht fassen kann, ist die geschliffene Logik des ganzen Unterfangens. Die Bewegungsmöglichkeiten des Körpers erklärte Cunningham erforschen zu wollen, wozu ihm die klassische Beinarbeit mit ihren Battements und Pirouetten als interessantester Ausgangspunkt erschien, die er nun mit den modernen Weisen, den Oberkörper zu bewegen, kombinieren wollte: „Arch, Curve, Tilt, and Twist“ – den Rücken rückwärts zu biegen und das Dekolleté dabei nach oben zu ziehen, ihn gerundet nach vorne zu beugen, den Torso seitwärts zu kippen oder zu verschrauben. Die unendlichen Kombinationsmöglichkeiten dieser anatomischen „Movement Possibilities“ zähmte der Choreograph auch mit Hilfe der Anwendung von Zufallsprozeduren, ganz im Sinne von Cages Diktum „I have nothing to say and I am saying it“ – „Ich habe nichts zu sagen und sage es“. Cunningham, der die herbe männliche Schönheit der Akrobaten Max Beckmanns besaß und auch etwas von Antoine Watteaus Pierrot „Gilles“, rutscht in „Lavish Escapade“ auf den Schienbeinen über den Boden, um von da in die Hocke zu springen wie heute die Breakdancer. Von den solistischen Eskapaden mit Cage am Flügel seit 1942 geht er über zu Duetten und Gruppenchoreographien. Wiederum interessiert ihn, was ein Körper alles machen kann, nun, wenn ihn ein anderer stützt, trägt, hebt, umarmt, sich an ihn anlehnt oder auf ihn legt, oder wie ein Windstoß an ihm vorbeifährt.

          Robert Rauschenberg, der tagsüber Sachen suchte, die er abends auf die Bühne stellte, sagt im Film, der heute in fünfundzwanzig Ländern anläuft, er habe stets Cage beneidet. Der sei immer fein raus gewesen, denn über Noten könnten Tänzer bekanntlich nicht stolpern, über seine Möblierung der Tanzfläche hingegen sehr wohl. Oh wie unmöbliert und unbelebt erschien plötzlich die Welt, als Merce Cunningham starb. Das ganze Ausmaß dieses Verlusts misst Kovgans Film mit schmerzlicher Genauigkeit nach. Die jungen Tänzer, die für Kovgan etwa „Rain Forest“ einstudiert haben und Andy Warhols silberne heliumgefüllte Ballons tanzend über die Bühne pusten, beweisen das Offensichtliche, den unsterblichen Klassikerstatus Cunninghams.

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