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Video-Filmkritik „Aniara“ : Diese fürchterliche schwarze Hitze

Emilie Garbers spielt mit nüchterner Würde die „Mimaroben“ Bild: Magnet Releasing

Ein visuelles Weltraumgedicht: Der schwedische Film „Aniara“ haucht dem gleichnamigen Epos des Literaturnobelpreisträgers Harry Martinson ein völlig neues, hochpolitisches Bilderleben ein.

          5 Min.

          Die letzte Maschine lässt uns am Leben; menschliche Selbstbestrafungsphantasien kümmern sie nicht. Sie wird sich selbst zerstören; teils aus Mitleid mit uns, teils aus Scham darüber, dass sie sich in die Politik hat zerren lassen. Am Ende geht es dem sprechenden Affen wie am Anfang, lange vor der Technik: „Und wir sind wieder nackt und schwach und frieren.“ Der Satz und die Geschichte von der letzten Maschine stehen in einem langen Gedicht des schwedischen Literaturnobelpreisträgers Harry Martinson namens „Aniara“ aus dem Jahr 1956.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Gedicht haben Pella Kågerman und Hugo Lilja 2018 verfilmt. Ihr selbstbewusstes und eigenständiges, zugleich sinnsicher werktreues Kunststück lief hierzulande nicht im Kino, kann von diesem Donnerstag an aber als Stream, DVD und Bluray mit deutscher Tonspur erlebt werden. Die erste Einstellung des Films konzentriert seine Weltvision zum Lichtgleichnis: Ein glutweißer Punkt wandert durch totales Dunkel und verpasst die Chance, überm „I“ im Schriftzug „ANIARA“ zur Ruhe zu kommen. Später wird eine Astronomin ein Bläschen in hartem Glas zur Demonstration kosmischer Größenverhältnisse nutzen: Egal, wie schnell wir reisen, gemessen am Riesenraum stehen wir still.

          Auf der Erde wüten derweil Fluten, die Häuser wegreißen; es geht ein Wind, der Bauten umwirft; Feuer kocht. Deshalb zieht ein Weltraumaufzug Menschen an einem Kabel aus den Gewittern zum Raumschiff Aniara, mit dem sie fliehen wollen. Viele Gesichter der aneinander Gedrängten sind verbrannt; die Welt, die sie verlassen, ist ätzend. Einige haben blaue Flecken und Blutergüsse, „Erde“ scheint ein Wort für „häusliche Gewalt“. Die Aniara kreuzt den Bildraum als Balken; kein Star-Wars-Designer würde eine so grobe Containerstadt erfinden, aber die Augen glauben gleich an ihre Wirklichkeit. Innen sieht es aus wie in einer Rehaklinik oder in einem Einkaufszentrum. Eine Frau verlangt beim Andocken, dass man sie durchlassen soll; sie sagt, sie arbeite hier. Es ist die Schauspielerin Emelie Garbers, die mit nüchterner Würde die „Mimaroben“ (auch: „MR“) spielt, auf Posten an einer Maschine namens „Mima“, wo ein Rechner Menschen in die Köpfe greifen kann und dann Erinnerungen, Sehnsüchte, Hoffnungen sowohl weckt wie steuert.

          Irrfahrt in den Horror der Gesellschaft

          Die Mima stellt der Film als Rechteck aus Bronzeschmelze an der Decke eines leeren Saals dar, dessen Konvektionszellen erst in metallischem Orange, dann blutig strahlen. Der Untergang kündigt sich schließlich himmelblau an, in Hoffnungsfarben also, weil dieser Film genau wie das Gedicht, das er in Bildern nachspricht, oftmals das Gegenteil von dem sagt und zeigt, was gemeint ist. Dies tun beide Kunstwerke, um daran zu erinnern, dass wir das, was sie meinen, eigentlich nicht fassen können; es überschreitet unsere Erfahrung. So nennt Herbert Sandbergs Martinson-Übersetzung aus dem Jahr 1961 einmal einen an Schwerkraft gefesselten Moment der Begegnung mit dem All, also der extremsten Kälte, paradox falsch, aber treffend eine „fürchterliche schwarze Hitze“, denn die frisst Bewusstsein, wenn es sich ihr zuwendet, wie Flammen ein Stück Papier.

          Die Mimaroben hilft den Leuten, die zur Mima kommen, dabei, den Kopf auf die Brust oder ein spezielles Kissen zu legen, dann rutscht die Seele in Träume: Laub unter den Füßen, waldbraun und feucht, knackende Zweiglein, eine Himbeere, so rot, dass die Filmkamera es vor Farbglück kaum schafft, ihre Umrisse scharfzustellen. Sinnlichkeit setzt der Film anstelle von Pathos, und Kleines darf Großes meinen: Als die beiden Liebenden dieser Tragödie einander das erste Mal begegnen, passiert das in Eile, im Lift, der Gruß dazu ist ein Blinzeln: „Hej.“ So beiläufig trifft die MR eine der Pilotinnen des Schiffs, die strenge Isagel. Bianca Cruzeiro legt diese Rolle sparsam an, wortkarg und tief. Sie dient einem Kapitän mit dem sprechenden Namen Chefone, der den Unfall nicht verhindern kann, durch den Aniara vom Kurs abkommt. Im Auditorium verkündet er den Passagieren, dass aus der ursprünglich auf ein paar Wochen veranschlagten Reise zum Mars jetzt, da man, weil er allen Treibstoff in den Leerraum ablassen musste, die Fähigkeit verloren hat, das Schiff zu steuern, eine Fahrt ins Ungewisse wird. Man wolle, erklärt Chefone, die Gravitation eines Himmelskörpers, auf den man nun zurast, für ein Vorbeischwungmanöver nutzen (das gibt es unter Namen wie „sling-shot“ oder „gravity assist“ in der Astronautik tatsächlich). Die Sache werde wohl zwei Jahre dauern. Das ist gelogen.

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