https://www.faz.net/-gqz-9u0xb

Woody Allen-Video-Filmkritik : Leichte Schauer, freier Blick

Chan (Selena Gomez) wäscht Gatsy (Timothée Chalamet) auf offener Straße sein verschnupftes Hirn. Bild: Gravier Productions

„A Rainy Day in New York“ variiert Motive, die man von seinem Regisseur schon lange kennt. Neu ist, was Selena Gomez und Elle Fanning aus ihren gar nicht so Woody-Allen-typischen Frauenrollen machen.

          4 Min.

          Vom Vorwurf, er drehe immer wieder den gleichen Film, wird auch „A Rainy Day in New York“ Woody Allen nicht befreien. Sein neuester bietet aber eine interessante Variation des Dauerthemas „angeknackste Seelen in schwierigen Konstellationen“, bei der sich die Frauenfiguren überraschend emanzipieren.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Gatsby Welles (Timothée Chalamet), Sohn einer reichen Familie aus New York, will mit seiner Freundin Ashleigh ein Wochenende in Manhattan verbringen. Sie hat dort einen Interviewtermin mit einem berühmten Regisseur (katergrummelig von Liev Schreiber gespielt). Gatsby malt sich zwei perfekte Tage voller Romantik aus und macht dabei schon den ersten Fehler: Auf die Idee, Ashleigh nach ihren Interessen zu fragen, kommt er nicht, denn in dieser Beziehung hält er sich für das verkannte Genie und nimmt seine Freundin, die Elle Fanning mit atemloser Überdrehtheit gibt, nicht ernst.

          Während Ashleigh ihr Interview führt, schlendert Gatsby durch die Straßen seiner Heimatstadt. Ashleighs Termin führt sie in den Irrsinn der Filmindustrie, Gatsby trifft derweil allerhand Bekannte. Darunter einen Schulfreund, der einen Independent-Film dreht. Gatsby willigt ein, ihm als Statist auszuhelfen, und findet sich kurz darauf in einem Auto mit Chan (Selena Gomez), die er für den Indie-Streifen küssen soll. Der Kuss wirft ihn gehörig aus der Bahn.

          Ist das jetzt romantisch? Gatsby (Timothée Chalamet) und Ashleigh (Elle Fanning) in Manhattan

          Klingt alles nach klassischem Woody-Allen-Plot? Ist es bis zu diesem Punkt auch. Sämtliche Figuren, denen Gatsby und Ashleigh auf ihrer Odyssee durch Manhattan begegnen, sind Klone der Figuren, die man bereits aus anderen Allen-Werken kennt: der Regisseur in der Midlife-Crisis auf der Suche nach einer (jungen, hübschen, leicht naiven) Muse; der eifersüchtige Agent, der vermutet, dass seine Frau eine Affäre hat, und deshalb seinen Job vernachlässigt; der Hollywood-Beau, der denkt, die junge Studentin wäre leicht zu verführen. Und natürlich ist da die Figur des neurotischen Gatsby, die Allen in seinen früheren Filmen selbst gespielt hätte. Für Chalamet ist es, wie für viele seiner Vorgänger in dieser Funktion, eine Herausforderung, nicht der Versuchung zu unterliegen, Allen plump zu kopieren. Wenn Chalamet zu Beginn des Films im Tweed-Jackett mit leicht krummem Rücken auf einer Bank neben Fanning sitzt, erinnert das schon sehr an Allens Alvy Singer in „Der Stadtneurotiker“ (1977). Chalamet imitiert ihn bis hin zu den fahrigen Handbewegungen. Im Laufe des Films gelingt es ihm aber, sich zu befreien und etwas Eigenes zu erfinden.

          Es hilft, dass er dabei Selena Gomez zur Gegenspielerin hat. Wenn man ihren Namen schön geschwungen im Vorspann liest, mag man kurz Angst bekommen, sie könnte nur schmückendes Beiwerk sein wie zuletzt in Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“. Sobald sie aber vor dem Kuss im Auto ihren ersten Satz sagt, wird klar, dass Chalamet sich Mühe geben muss, mitzuhalten. Es ist vor allem ihre Figur Chan, die den Film interessant macht, denn sie ist nicht eine jener Allen-Frauen, die leicht verwirrt und immer beeindruckbar, gern blond und leicht pausbäckig, durch den Film stolpern und dankbar die Weisheiten eines geistreichen älteren Mannes aufnehmen.

          Weitere Themen

          „Berlin Alexanderplatz“ Video-Seite öffnen

          Berlinale-Filmkritik : „Berlin Alexanderplatz“

          Alfred Döblins Zwanziger-Jahre-Stoff „Berlin Alexanderplatz“ feierte als Neuverfilmung Premiere auf der Berlinale. Warum der Sprung in die Gegenwart nicht so ganz gelingen mag, erklärt Simon Strauß in der Videofilmkritik.

          Topmeldungen

          Blick in den Handelssaal der Frankfurter Börse.

          Angst vor dem Virus : Breiter Kursverfall an den Weltbörsen

          Das Coronavirus infiziert immer mehr Menschen außerhalb Chinas. Die Sorgen vor dem Virus haben schon 3 Billionen Euro Börsenwert vernichtet. Ein Ende ist nicht in Sicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.