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Video-Filmkritik zu „Lara“ : Im Kokon der Verlorenheit

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Studiocanal

In Jan-Ole Gersters ungewöhnlich erzähltem Film „Lara“ spielt Corinna Harfouch eine geheimnisvolle Frau von starrer Eleganz. Nur langsam kommt der Zuschauer ihr auf die Schliche.

          3 Min.

          Mit einer Zumutung beginnt der sechzigste Geburtstag einer Frau namens Lara, die allein in einer Wohnung mit Blick auf Berlin lebt. Sie hat noch mit keinem Menschen gesprochen, allerdings schon eine große Entscheidung getroffen, denn für einen Moment sieht es so aus, als erwöge sie, aus dem Fenster zu springen. Sie macht dann aber doch nicht Schluss, bevor die Geschichte dieses Tages anfängt, und da läutet es auch schon: vor der Tür warten keine Gratulanten, sondern die Polizei. Zwei Beamte benötigen eine Zeugin für eine Amtshandlung. Bei einem Nachbarn gibt es Streit, und so steht Lara nun verloren in einer Wohnung herum, deren Besitzer ihr später noch das eine oder andere Mal auf verdruckste Weise ein Angebot machen wird: Einsamkeit zu Einsamkeit? Nicht mit Lara.

          Es gibt in dieser Wohnung allerdings etwas, das für sie von Interesse ist. Der Nachbar hat ein Piano. In Jan-Ole Gersters Film „Lara“ kommt dieses Instrument zweimal zum Einsatz, einmal am Morgen, da noch beiläufig und scheinbar ohne große Bedeutung, und dann noch einmal spät am Abend desselben erzählten Tages. Das ist dann ein Moment, der den ganzen Film mit einem so starken Akzent versieht, dass man eigentlich erst so richtig begreift, was es mit Lara auf sich haben mag.

          Kunstvoll verschränkt

          Bis es so weit ist, folgt Gerster dieser Frau durch einen Tag in Berlin. Dass es ihr 60. Geburtstag ist, ist dabei weniger wichtig als ein anderer Umstand: Laras Sohn Viktor wird am Abend ein Konzert dirigieren, ein Stück, das er selbst komponiert hat. Eine Uraufführung, zu der die Mutter offensichtlich nicht eingeladen ist. Einer ihrer ersten Wege an diesem Tag führt zur Theaterkasse, wo sie nicht einfach eine Karte kauft, sondern gleich alle noch erhältlichen. Stück für Stück verschenkt Lara dann diese Karten an Menschen. Sie scheint die musikalischen Kreise gut zu kennen, in denen Viktor sich bewegt – und in denen sie sich auch hätte bewegen können, wie schließlich in einer Szene deutlich wird, in der sie auf einen alten Professor trifft.

          Auf dem Theater spricht man von einem analytischen Drama, wenn ein Stück so gestaltet ist wie das Drehbuch zu „Lara“: eine Abfolge von Szenen, in deren Verlauf allmählich all das deutlich wird, was man zum Verständnis braucht. Geschichte und Vorgeschichte sind kunstvoll verschränkt. In einem simplen Fall kommen die beiden Geschichten schließlich so zusammen, dass alles aufgeklärt ist wie in einem Krimi. In einem komplexeren Fall, wie „Lara“ einer ist, bleibt zwischen diesen beiden Ebenen etwas offen, das sich niemals vollständig auflösen lässt: es ist der Raum, in dem sich die Kunst bewegt. Die Kunst liegt in „Lara“ nicht zuletzt darin, dass in der Spannung, von der das Charakterdrama geprägt ist, eine ästhetische Spannung aufgehoben ist: die zwischen den darstellenden Künsten und der einen Kunst, die darüber hinaus geht, der Musik als der absoluten Form.

          Was die darstellenden Künste anlangt, ist „Lara“ von exquisiter Qualität. Corinna Harfouch findet in der Hauptrolle eine Aufgabe, die wie für sie geschrieben wirkt. Lara ist eine zutiefst ambivalente Person, eine schöne, aber unnahbare Frau, die sich scheinbar perfekt in den Kokon ihrer Verlorenheit eingesponnen hat. Was einmal Verwundbarkeit gewesen sein könnte, ist nun starre Eleganz, in die sich gelegentlich ein wenig Unbeholfenheit mischt. Ihren Sohn Viktor spielt Tom Schilling, der zuletzt schon in Florian Henckel von Donnersmarks „Werk ohne Autor“ einen Künstler auf der Suche nach seinem wahrhaftigen Ausdruck gespielt hat. Mit seiner Fragilität passt er perfekt, denn die Anstrengung, sich von seiner Mutter zu emanzipieren, scheint ihn bis in die Färbung seiner Stimme zu prägen.

          Woran soll man ihn messen?

          Schilling bringt nicht zuletzt eine Reminiszenz an „Oh Boy“ mit, den ersten Film von Jan-Ole Gerster. Das war eines der erstaunlichsten Debüts im deutschen Kino der jüngeren Zeit, ein Berlin-Mythos, der heute fast schon so zum Klischee geronnen scheint, wie Wim Wenders’ Engel. Für seinen zweiten Film griff Gerster ein Drehbuch von einem bisher wenig bekannten Autor auf: Blaz Kutin hatte die Geschichte von Lara schon vor Jahren geschrieben, zu einer Umsetzung aber war es nie gekommen. In der Adaptierung spiegelt sich nun wiederum der zentrale Konflikt zwischen Lara und Viktor: die Frage der Originalität im Gegensatz zur interpretierenden Virtuosität. Viktor nimmt das Wagnis auf sich, ein Werk vorzulegen, das vielleicht nicht der ganz große Wurf ist, aber immerhin sein eigenes. Woran soll man ihn auch messen? An Mozart? An Michael Nyman? Ein Komponist im frühen 21. Jahrhundert hat es mit einer vieldeutigen Tradition zu tun, und es wäre eigentlich zu verstehen gewesen, wenn Gerster es unterlassen hätte, diesem Stück von Viktor die Konkretion im Film zu ersparen. Da er es aber realisieren ließ, also tatsächlich eine (Film-)Komposition zur Aufführung bringt, bekommt „Lara“ noch einen stärkeren Akzent: was er von der Musik erzählt, könnte unbewusst auch vom Kino erzählen.

          Von einer künstlerischen Position nämlich, die sich selbst nicht anders als zwiespältig verstehen kann. „Lara“ ist ein beinahe klassischer Film, souverän erzählt, gut gespielt, exzellent fotografiert an vornehmlich West-Berliner Schauplätzen. Zugleich aber ist „Lara“ eine tastende Bewegung in Richtung eines Ausbruchs aus diesen Kategorien der Qualität. Der Sprung ins Leere, der zu Beginn kurz im Raum steht, unterbleibt, prägt aber dann alle Wege von Lara, und er prägt auch die Weise, wie der Film auf sie blickt: als wären all die kleinen Affronts, mit denen sich hier eine Frau unmöglich macht, eine Abbitte an eine Radikalität, die dann tatsächlich nur in der Interpretation eines klassischen Stücks ihren genuinen Ausdruck findet. In „Lara“ ist diese Utopie eingehegt auch in eine Kinotradition, die Gerster am Ende sprengt, indem er an eine andere Kunst appelliert.

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