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Video-Filmkritik : Wenig Gefühl zwischen Himmel und Erde

Bild: Daniel McFadden

Überwältigt wird hier nicht: Damien Chazelles geheimnisvoller Astronautenfilm „Aufbruch zum Mond“ zeigt die Andacht des kleinen Menschen im Universum – ohne Feuerschweife und patriotisches Fahnenwehen.

          4 Min.

          Wir sitzen ja auch gebannt im Theater, wenn „Hamlet“ gespielt wird, obwohl wir wissen, dass er am Ende stirbt. Warum also nicht noch einmal von der ersten Mondfahrt erzählen, selbst wenn jedes Kind weiß, wie die Geschichte ausgeht. Mit einem kleinen, geglückten Männerschritt nämlich, der sich selbst als großen Sprung für die Menschheit deutete – „Lüge“ hätte Carl Schmitt eigentlich sofort rufen müssen, aber der hatte an jenem legendären 21. Juli 1969, als der ehemalige Pfadfinder und Korea-Krieger Neil Armstrong seine abgefederte Astronautenstiefelspitze auf die verstaubte Oberfläche des Mondes setzte, gerade seinen einundachtzigsten Geburtstag gefeiert und saß wohl nicht vor dem Fernseher.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Also blieb der Ausspruch unkritisiert und wurde zum geflügelten Satz. Wer ihn ursprünglich erfunden hat, ist weiterhin umstritten. Vor ein paar Jahren gab Neils Bruder Dean zu Protokoll, dass Neil sich die pathetische Fügung selbst während einer Partie des Gesellschaftsspiels „Risiko“ ausgedacht habe, während die offizielle Version lautete, Neil sei während der stundenlangen Ruhephase zwischen Landung und Ausstieg auf den Satz gekommen. Andere meinten dagegen, der Satz sei viel zu poetisch, um aus der Gedankensphäre des wortkargen Mittwestlers zu stammen – die Nasa habe die Schlüsselsentenz bei Arthur Miller in Auftrag gegeben oder bei Walt Disney.

          Fast nebensächlich

          So wie Damien Chazelle den legendenhaften Ausspruch jetzt in seinem Astronautenfilm „Aufbruch zum Mond“ inszeniert hat, klingt er jedenfalls formlos, fast nebensächlich. So wie ein „Sein oder Nichtsein“ am Taxistand. Der gasdicht vermummte Ryan Gosling steigt über eine Wurfleiter vorsichtig von seiner Mondlandefähre „Eagle“ herab, protokolliert zunächst eine Menge technischer Details, spricht rein objektiv und sachlich, und dann ist auf einmal wie aus dem Nichts von der Menschheit die Rede. Das klingt wie ein Zugeständnis ans Publikum, an die Millionen, die weltweit vor ihren Bildschirmen sitzen und etwas abhaben wollen von der historischen Stunde. Nicht wie ein magisches Einsetzungswort, sondern wie ein kleiner Bierdeckelspruch: kurzes Aufhorchen, kurze Aufheiterung und dann weiter, auf zur nächsten Anekdote.

          Chazelle erzählt keine monumentalische Geschichte, in seinem Film gibt es wenig Bilder, die einem den Atem stocken lassen, seine Regie hängt nicht an Feuerschweifen oder Weltall-Metaphysik. Gefühlt spielen mindestens die Hälfte aller Szenen im Inneren von an- oder abdockenden Raketenkapseln, die quietschen und ruckeln wie ein alter D-Zug. Gleich zu Beginn wird minutenlang gezeigt, wie der junge, schweißüberströmte Testpilot Armstrong 1961 mit der Atmosphäre zusammenprallt, die Kontrolle über seinen Flugkörper verliert und schließlich in der kalifornischen Wüste abstürzt. Das Zittern und Ruckeln ist das eine, die unerbittlich gleich knisternden Funksprüche und Countdownzählungen sind das andere: Egal, in welcher Notlage sich ein Luftfahrer gerade befindet, vom Boden kommt immer derselbe, abgehackte Koordinatensprech. Es gibt im Grunde keine Verständigung zwischen Himmel und Erde, alles, was dort oben von unten ankommt, sind kalte Reste von Kommunikation.

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