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Video-Filmkritik : Wenig Gefühl zwischen Himmel und Erde

Gerade mit der Atmosphäre zusammengeprallt: Ryan Gosling als Neil Armstrong
Gerade mit der Atmosphäre zusammengeprallt: Ryan Gosling als Neil Armstrong : Bild: Universal Pictures

Allerdings ist auch Goslings Armstrong kein warmer Redner: Nach dem Krebstod seiner kleinen Tochter und dem Unfalltod von mehreren Kollegen ist er „gut in Beerdigungen“, aber umso schlechter in Herzensangelegenheiten geworden. Am Abend vor seinem Abflug sitzt er am Tisch mit Frau und Kindern und beantwortet ihre ängstlichen Fragen so unbeteiligt und gefühllos, als wäre er noch auf der morgendlichen Pressekonferenz. Dort hatte er, nachdem sein Copilot mit allerlei persönlichem Kolorit aufgewartet hatte, auf die Frage, was er gerne noch mit auf die Reise nehmen würde, kühl geantwortet: „Mehr Brennstoff“. Aber jetzt, in der Küche, am Abend vor dem Abflug ins Ungewisse, aus dem eine Rückkehr nicht sicher, vielleicht gar unwahrscheinlich ist, findet er die Augen seiner Kinder nicht. Er sitzt und starrt verstockt ins Leere, das „Risiko“ vorspielen will er nicht. Seine Frau – mit andauernd-dauernder Unruhe gespielt von Claire Foy – legt ihm den sommersprossigen Unterarm um den Hals und küsst ihn vorwurfsvoll auf die Wange. Wie sehr hatte sie auf ein ruhiges Leben gehofft, mit Pool-Idylle, gebügelten Karohemden und Eheringglitzern in der Abendsonne – jetzt wartet bald die Weltpresse in ihrem Vorgarten, um zu sehen, wie sie auf die Nachricht von Sieg oder Niederlage reagiert.

Denn um nichts weniger als das geht es. Längst schon ist das keine wissenschaftliche Expedition mehr, was die Nasa hier unternimmt, sondern ein brutaler Krieg um die Sterne. Schneller zu sein als die Russen ist das oberste Ziel, und um das zu erreichen, werden Menschenleben geopfert und viel Steuergeld gezahlt. An entscheidender Stelle lässt Chazelle Gil Scott-Herons Protestgedicht „Whitey on the moon“ vortragen: „I can’t pay no doctor bill, but Whitey’s on the moon / Was all that money I made las’ year, for Whitey on the moon?“

Von großer dramaturgischer Spannung kann man bei „Aufbruch zum Mond“ sonst allerdings nicht reden. Der Film beschränkt sich darauf, die Chronologie der Ereignisse mit ihren kleinen Schrecksekunden und langen Erfolgsminuten gewissenhaft nachzuzeichnen. Aus den vielen Einzelheiten des Unabwendbaren wird ein robuster Rahmen ohne tragende Handlung. Dazu werden viele Close-ups von Goslings knabenhaft schönem Gesicht hinter dem Helmvisier gezeigt, in der Hoffnung, dass sein verhärteter Ausdruck genug bedeuten könnte. Tut er aber nicht. Die Gemütslage dieses verstockten, vom Momentum seiner Mission seltsam unberührten „Seefahrers der Lüfte“ wird nicht lebendig, sondern nur gezeigt, die Dialoge zwischen ihm und seiner Frau, ihm und seinen Freunden informieren nur, erzählen nicht viel. Bei all der überbordenden romantischen Phantasie, die Chazelle in seinem letzten, zu Recht umjubelten Musical-Film „La La Land“ entwickeln konnte, überrascht das. Allerdings wird dadurch auch klar, dass es hier um Größeres geht als Menschenliebe und patriotisches Fahnenwehen. Bei Goslings Gang über den Mond macht Chazelle den Ton ganz aus, kein Scheppern, kein Knarzen, und auch kein Richard Strauss ist zu hören, zu sehen ist allein der kleine Mensch bei seiner stillen Andacht im Universum.

Wenn einem der Film im Ganzen auch etwas zu keusch, zu wenig um dramatische Spannung bemüht vorkommen mag, so strahlt er in diesem Moment doch alles aus, was diesem fahlen Leuchtkörper dort oben an ruhigem Geheimnis innewohnt. Es ging und geht beim Mond-Blick stets um mehr als um Wissenschaft und Erkenntnis. Was bayrische Ministerpräsidenten, amerikanische Technologie-Milliardäre und israelische Serienschreiber (2019 beginnen die Dreharbeiten für „German Moon“, einem neuen deutschen Serienprojekt über deutsche Wissenschaftler, die die amerikanische Weltraummission mit vorbereitet haben) am Mond interessiert, das ist und war seine Bedeutung als Zeichen. Als Ausdruck einer Hoffnung auf mehr. Nur davon kann ein „Astronautendrama“ erzählen. Und dazu passt auch der Hamlet-Satz.

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