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Video-Filmkritik: „Joschka und Herr Fischer“ : Erzählt mir nichts von der Putztruppe

Bild: X-Verleih / Warner Bros

Eine Geschichte der Bundesrepublik, subjektiv erzählt: Pepe Danquarts Film „Joschka und Herr Fischer“ lässt den ehemaligen Außenminister und Grünen-Vorkämpfer sein Leben selbst kommentieren - mit einigen Lücken und weitgehend ohne Kritik.

          Ein Flüchtlingstreck – das ist die Assoziation des ersten Bildes, auf dem Menschen in langer Kolonne über die Leinwand schlurfen. Das passt zu einem Dokumentarfilm über das Flüchtlingskind Joseph Fischer, Sohn eines vertriebenen ungarndeutschen Metzgermeisters. Immer wieder wird Pepe Danquarts „Joschka und Herr Fischer“ auf das Motiv der Einsamkeit, des Fremdseins zurückkommen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Es sind aber keine Flüchtlinge, die da zu sehen sind, sondern Gefährten und Reporter, die den Wahlkämpfer Fischer im Jahr 2005 auf einer Wattwanderung begleiten. Die Kamera umkreist die Gruppe, die sich um den Politiker drängt, wo immer er stehenbleibt, dann geht sie in die Totale, das Häuflein verschwindet fast in der weiten Landschaft.

          Die Leute wackeln durch den Schlick im Rhythmus der Musik, es ist Ennio Moricones Thema zu dem Italowestern „The Good, The Bad and The Ugly“. All das verspricht einen facettenreichen, ironischen und zwischen Nähe und Distanz spielenden Blick auf die Hauptfigur. Leider hält Danquarts zweistündige „Zeitreise durch sechzig Jahre Deutschland“ (Untertitel) dieses Versprechen nicht.

          Verzicht auf Kritik

          Dabei ist die Grundidee originell. Fischer steht in einer Art Fabrikhalle zwischen Glastafeln, auf die Szenen aus seinem Leben gespielt werden, und kommentiert, vom einen zum anderen wandelnd, das Gesehene. Man ist tief ins Archiv gestiegen und hat interessante und rare Schätze aufgetan, Bilder aus der kleinstädtischen Heimat Fischers, die der einstige Ministrant bald als zu eng empfand, oder Aufnahmen aus dem „Club Voltaire“ in Stuttgart, wo angeblich das kritische Denken in Schwaben Einzug hielt. Das Konzept hält den Film dynamischer und lebendiger, als es die übliche Abfolge von Interview und Einspielung wäre, eine Dynamik freilich, die durch den gemächlichen Schritt des Befragten gebremst wird. Aufregend geht es dafür in den Dokumentarszenen zu: erregte Reden von Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit, Demonstrationen mit Knüppeln und Wasserwerfern. Am Ende der gut zwei Stunden wünscht man Fischer aber doch, dass er endlich wieder etwas Tageslicht sehen darf.

          Leider verzichtet Danquart vollständig auf eine Auseinandersetzung mit dem Helden. Hauptauskunftsperson über Herrn Fischer ist Joschka und umgekehrt. Dazu werden Interviews mit alten Kumpels wie dem Dany oder dem Johnny (Klinke) eingeblendet. Das atmet zuweilen den Geist selbstzufriedener alter Kämpen, die sich daran erinnern, was für tolle Typen und Raufbolde sie doch waren. Wenn tatsächlich kritische Anklänge zu hören sind, kommen sie von Fischer selbst. Dass dem Außenminister der rot-grünen Koalition seine Vergangenheit in der Frankfurter „Putztruppe“ in erregten öffentlichen Debatten vorgehalten wurde, klingt bei Fischer aber immer noch wie eine Majestätsbeleidigung oder eine finstere Intrige.

          Die Wende zum Realpolitiker

          Merkwürdig sind manche Lücken. Hans-Joachim Klein, Joschkas Weggefährte aus Frankfurter Sponti-Tagen, der beim Terrorüberfall auf die Opec in Wien verwundet wurde und in dessen Prozess Fischer ein Vierteljahrhundert später aussagen musste, kommt gar nicht vor. Und auch von Afghanistan ist nicht die Rede, obwohl der andere Militäreinsatz, der in Fischers Regierungszeit begonnen wurde, der Kosovo-Konflikt, ebenso ausführlich behandelt wird wie natürlich die „I am not convinced“-Rede gegen den amerikanischen Irak-Feldzug.

          Dabei handelt eine ausführliche Passage davon, wie Fischer auf dem schmalen Grat über dem Abgrund des Terrorismus wandelte. Seine Abkehr, so Fischer über Fischer, kam nach der Ermordung Schleyers – und die Katharsis in seiner Zeit als Taxifahrer (Bild: Fahrt aus dem Tunnel ins Licht). Da sei er zum Realpolitiker geworden, da habe er erkannt, dass das Großartige und das Hundsgemeine im Menschen nebeneinanderliegen (Bild: Fahrt durchs Frankfurter Bahnhofsviertel). Über Fischers grüne Jahre setzt sich das Muster fort, die Konflikte der „Realos“ mit den „Fundis“ blitzen in den Dokumenten auf, zu Wort kommen die Gegner Fischers nicht. Stattdessen werden Menschen interviewt, die auch interessant sind, aber mit Fischer nichts zu tun haben wie die Schauspielerin Katharina Thalbach, die auf einem ausrangierten Rummelplatz ihre Sicht über DDR und Wende dartut.

          Pepe Danquart ist sieben Jahre jünger als Joschka Fischer, er hat für seinen Kurzfilm „Schwarzfahrer“ (1994) einen Oscar bekommen und sich mit Dokumentarfilmen zur Tour de France und zum Bergsteigen einen Namen gemacht. Für Danquart sind faktische Einwände gegen seinen Film, wie er in Interviews gesagt hat, „falscher Objektivismus“. Er will kein Porträt Fischers malen, deshalb komme auch dessen Privatleben nicht vor, sondern eine Geschichte der Bundesrepublik, subjektiv erzählt. Nun, das ist es zweifellos. Das Subjekt ist er selbst.

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