https://www.faz.net/-gqz-nowb

Video-Filmkritik : Aus der Zeit gefallen: „Die Ermordung des Jesse James“

„Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ - ein Titel, der so lang ausgefallen ist, als müsste er für die 160 Minuten reichen, welche der Film dauert - ist allerdings weder Revision noch Reanimationsversuch, er ist nicht nostalgisch oder sentimental, er ist auch nicht in dem Sinn historisch, dass er zeigen wollte, wie wenig Leben und Taten des Jesse James dem Robin-Hood-Image entsprachen, an dem er selbst gearbeitet hatte. Man fragt sich irgendwann, was der Film eigentlich sein will oder sein soll. Er wirkt wie aus der Zeit gefallen, er scheint sich selbst genug. Da ist keine Geschichte mehr, die sich Amerika selbst erzählen müsste, um die Gegenwart in den Kostümen der Vergangenheit zu spiegeln und sich begreiflich zu machen.

Der Film ist handwerklich bestechend, er lässt Brad Pitt den Raum für den Star, der eine klassische Rolle füllen will, dem aber schließlich doch Casey Affleck in der Rolle des Robert Ford die Show stiehlt, weil seine Unsicherheit und Geltungssucht, sein juveniles Schwanken, seine Angst und Großspurigkeit am Ende interessanter wirken als Pitts Bemühen, James' krankhaftes Misstrauen in Grüblerblicke und sadistische Ausfälle zu übersetzen. Er ist voller schöner Posen und kleiner Szenen, er ist, was „Road to Perdition“ für den Gangsterfilm war - ein scheckheftgepflegter Oldtimer im Straßenverkehr von heute. Die Wolken treiben im Zeitraffer über den Himmel, die Landschaft versinkt im Schnee, die Reiter irrlichtern als winzige Punkte durch die Weite - doch der Film hat kein Leben, keine Seele, um es mal sehr pathetisch zu sagen, nicht einmal eine verzweifelte wie Kevin Costners später Western „Open Range“. Und die Innenräume der Häuser sind auf eine befremdliche Weise weiß und blankgescheuert, die Dielenböden glänzen, die Einrichtungsgegenstände blinken - so ähnlich muss es wohl auch im Jesse-James-Museum in St. Joseph aussehen.

Er findet kein Ende

Dies sei ein Western „mit Rembrandt-Licht und Tarkowski-Wetter“, schrieb die „Village Voice“, und wenn das auch ein bisschen ungenau beobachtet ist, so trifft es doch den Gestus eines Zutatenkinos, das sich nicht ernstlich fragt, wie seine hochwertigen Elemente überhaupt zueinander passen. Man muss ja nicht erwarten, dass die Psychologie, die Motive des enttäuschten Verehrers schlüssig geklärt werden, man braucht auch nicht unbedingt mehr Action als einen netten kleinen Zugüberfall, aber eine wie immer geartete Haltung zum Genre, die darf man dann doch schon voraussetzen.

Was man, neben vielem anderem, auch am Western liebt, seine Ökonomie des Erzählens, die kümmert Andrew Dominik wenig. Er dehnt die Zeit, als entstünde dadurch ganz von selbst eine leicht elegische Stimmung, und wenn Jesse James nach zwei Stunden vom Stuhl gefallen ist, gönnt Dominik auch dem Schützen noch seine 15 Minuten Ruhm. Man könnte auch sagen: Er findet einfach kein Ende, vor lauter Zeitlupen und in der deutschen Fassung ziemlich altväterlich klingenden Off-Erzählungen - dabei wäre Zeit genug gewesen, das aus dem Off Erzählte auch zu zeigen.

So fühlt man sich wie in einem Kammerspiel, das sich in die Prärie verirrt hat und nicht mehr hinausfindet. Was man dem Film als Manierismus vorgehalten hat, stammt gar nicht so sehr aus einem besonderen visuellen Umgang mit dem Sujet; es ist das permanente Missverhältnis zwischen der Intimität des Konflikts und der Weite seiner Bilder. Die Proportionen sind dabei so verzerrt, wie sich die Außenwelt beim Blick durch die alten Glasscheiben darstellt, einem Blick, den die Kamera einfach nicht müde wird zu wiederholen.

Weitere Themen

Jetzt ist Jesse dran

Netflix-Film „El Camino“ : Jetzt ist Jesse dran

Vince Gilligan hat die legendäre Serie „Breaking Bad“ erfunden. Jetzt schiebt er den Film „El Camino“ nach. Er handelt von Jesse Pinkman, der Nummer zwei der Drogensaga. Lohnt sich die Reprise?

Topmeldungen

Trump hat sich Erdogan gegenüber benommen wie ein hysterischer Liebhaber.

Trumps Syrien-Politik : Härte und Liebe

Trump hat eine Feuerpause für Syrien aushandeln lassen und feiert sich nun als Friedensstifter. Doch seine Siegerpose wirkt lächerlich. Erdogan hat von Amerika alles bekommen, was er wollte.

„Super Saturday“ : Britische Regierung beantragt Brexit-Verschiebung

Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.
Die „People’s Vote“- Bewegung verlangt eine zweite Volksabstimmung über den Verbleib der Briten in der Europäischen Union.

Protestmarsch in London : „Wir wurden von Anfang an belogen“

Zum „Super Saturday“ sind auch Hunderttausende Demonstranten nach London gekommen. Viele fühlen sich belogen, wollen Boris Johnson die Zukunft nicht anvertrauen – sondern selbst ein zweites Mal abstimmen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.