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Zum Tod von James Garner : Verspielter Held, solider Gauner

Der Mann soll rauchen, nicht der Colt: James Garner als Bret Maverick Bild: interTOPICS/mptv

James Garner war als Detektiv Rockford wie als Westernheld Maverick ein Ritter auf den Bühnen von Kino und Fernsehen. Jetzt ist er mit 86 Jahren verschieden.

          Charakterfest wie ein Felsen, schlau wie ein erfolgreicher Steuerrechtler, dabei stets warm wie frischer Marmorkuchen: Typen wie die, denen James Garner sein Gesicht lieh, werden auf absehbare Zeit wohl nicht mehr hergestellt, schon gar nicht für Film und Fernsehen, wo die selbstbewussten Frauen, denen er immer so gut gefallen hat, heute von männlichen Models umzingelt sind, die sich nur noch für ihre eigenen flachen Seelensorgen interessieren statt für Kriminalfälle, Pokerspiele oder Küsse mit hohem Einsatz.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Detektiv Jim Rockford in der Fernsehserie „The Rockford Files“ hat Garner die Siebziger Jahre hindurch in hundertzweiundzwanzig regulären und acht zu Quasi-Spielfilmen aufgebrezelten Folgen demonstriert, dass unter ein kleinkariertes Sakko jederzeit ein offenes Hemd passt – oder aus dem Kostümmetaphorischen ins Männerpsychologische übersetzt: Der Kerl wirkt von außen fast ein bisschen zu rechteckig; aus seinem Innern aber leuchtet eine großzügige, wenn auch leicht verluderte Ritterlichkeit.

          Wenn andere Ermittler von Robert Urich („Vega$“) über Tom Selleck („Magnum, P.I.“) bis David Boreanaz („Angel“) danach in Serie kriminelles Unrecht Einzelfall für Einzelfall geraderücken wollten, wussten sie, was Rockford sie gelehrt hatte: dass so ein Job mehr mit einem Dasein als Künstler zu tun hat als mit einer (warum auch immer) verfehlten Polizeiberufung. Der deutsche Musiker und Spitzenbohemien Knarf Rellöm alias Walding alias Frank Möller hat dem Garnerschen Krimi-Durchwurstler zum Dank für diese Lektion 1999 mit dem Stück „Langweiliger Nachmittag für Rockford“ ein sehr schönes indirektes Denkmal gesetzt – die kleine Nummer lebt davon, dass der legendäre Plattenlabelchef Alfred Hilsberg auf einer Art Anrufbeantwortertonspur das Album eher anschnauzt als preist, auf dem das Stück zuhause ist. So sind die Menschen: verdorben, aber süß – ein Detektiv oder Künstler sieht das eben klarer als der Rest.

          Das Böse langweilt

          Bevor der 1928 in Oklahoma als Sohn eines Teppichverlegers auf den später effektvoll verkürzten Namen James Scott Bumgarner getaufte Schauspieler zu Jim Rockford wurde, hatte er sich um die Typenbildung im Fernsehen schon einmal verdient gemacht. Neben den Gründervater (Lorne Greene als Ben Cartwright in „Bonanza“), den Gesetzeshüter (James Arness als Marshal Mat Dillon in „Gunsmoke“), den Indianer (Jay Silverheels als Tonto in „The Lone Ranger“) und den Kopfgeldjäger (Steve McQueen als Josh Randall in „Wanted: Dead or Alive“) war die Mattscheibe zur Vervollständigung des Bildes, das sie vom Wilden Westen zeigen wollte, auf den gerissenen, aber nie ehrlosen Spieler angewiesen, verkörpert von Garner. Der Mann hieß Bret Maverick und beeindruckte das Publikum ab 1957 zunächst fünf Jahre lang als Held wider Willen, nämlich zunächst als opportunistischer Egoist. Das Böse, das bei seiner Sorte Gelderwerb am Kartentisch eigentlich naheliegt, war ihm freilich zu eng und zu langweilig; Leute retten ist zum Glück schwieriger – und daher interessanter – als sie ausnehmen; eine Botschaft, an der die Figur auch in mehreren Fortsetzungen, teils Jahrzehnte später gedreht, keinen Verrat beging.

          Dass man bei zwei so einprägsamen Fernsehrollen den Filmstar Garner leicht unterschätzt, der mit Doris Day vor der Kamera geturtelt, mit Hartknochen wie Charles Bronson und James Coburn den prima Kriegsschinken „The Great Escape“ (1963) verziert und für Blake Edwards in „Victor Victora“ 1982 eine Art Meta-Maverick in Gestalt des Casinobesitzers King Marchand zum Leben erweckt hat, ist zwar unfair, aber kaum zu ändern.

          Wenigstens hat ihm der Drogist Mur-0phy, den er 1985 in Martin Ritts „Murphy‘s Romance“ gab, eine Oscarnominierung eingebracht; und noch 2004 ragte er aus dem Kitschfest „The Notebook“ von Nick Cassavetes als ein Augen- und Seelentrost heraus, der sich, wie Maverick und Rockford, von keinem noch so verheulten Blödsinn daran hindern lässt, zu tun und zu sagen, was er als richtig erkannt hat. Am Samstag ist James Garner sechsundachtzigjährig in Los Angeles gestorben.

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