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Vergangenheitsbewältigung : Wie lacht man über seine Tyrannen?

  • Aktualisiert am

Spanien lacht über Franco: „Gute Reise, Exzellenz” Bild: picture-alliance/ dpa

Deutschland streitet, ob Hitler durch Humor verharmlost wird. Andere Länder haben diese Frage für ihre grausamen Herrscher schon beantwortet: Vom Lachen über Lenin, Franco oder Mao. Unsere Korrespondenten berichten.

          Deutschland streitet, ob Hitler durch Humor verharmlost wird. Andere Länder haben diese Frage für ihre grausamen Herrscher schon beantwortet: Vom Lachen über Lenin, Franco oder Mao. Unsere Korrespondenten berichten.

          In Frankreich gilt Pétain nicht als witzig

          In der französischen Politik darf die Satire alles. Was Staatschefs an geschmacklosem Spott und Ironie aushalten müssen, steht in einem direkten Verhältnis zu ihrer Macht, die nicht mehr absolut ist, aber größer ist als in jeder anderen Demokratie. Zum Erbe der Monarchie gehören die Freiheiten des Hofnarren, die den Kabarettisten und den Chansonniers eingeräumt werden.

          Spuk als Remake in Person Le Pens: Pétain

          Unter Napoleon blühte die Karikatur - allerdings erst nach dem verlorenen Russland-Feldzug, als sich sein Machtverlust abzeichnete. Der Kaiser war wegen seiner kleinen Körpergröße und seiner Gestik ein ergiebiges Sujet und ist noch immer Gegenstand eines ziemlich ungebrochenen Kults. Aber keiner Komödie. Überhaupt nicht mit Humor wurde und wird der greise Marschall Pétain in Verbindung gebracht. Über die Résistance gibt es lustige Filme, seit sie kein Mythos mehr ist. Die späte Aufarbeitung der Kollaboration erreichte ihre Breitenwirkung durch den harmlosen, aber witzigen TV-Zweiteiler „Au Bon Beurre“ von 1981, der sie auf ihre nur allzu menschlichen Schwächen reduziert. Pétain selbst kam darin nur kurz vor; obwohl sein Regime zumindest am Ende eine herrliche Tragikomödie abgeben könnte, bleibt er von jeglicher Auferstehung in der Komik verschont.

          Und über Hitler kann man in Frankreich auch nicht lachen. Das Sujet ist zunächst wegen der vielen Filme, in denen der Deutsche nach dem Krieg als Tölpel und Nazi mit Führerzügen dargestellt wurde, ausgeleiert - und ein neuer Chaplin in Paris nicht auszumachen. Doch der Diktator taugt noch immer zum Skandal: Ein Komiker karikierte Sharon als Hitler - um den Schwarzen und Nordafrikanern die Opferrolle der Juden zuzuschreiben. Über die Verbrechen des Kolonialismus gibt es wie über die Deportation keine französische Komödie. Schon jeder Versuch der fiktionalen Darstellung führt zu emotionalen Debatten. Dagegen wird Chirac täglich im Fernsehen als Depp vorgeführt, Mitterrand wurde als Frosch, Sphinx und Gott (Dieu) verhöhnt, und der groß gewachsene de Gaulle war nach Napoleon der meistkarikierte Staatschef. Er ist aber in keinem Film zu sehen. Bezüglich ihres Spottpotentials werden die neuen Kandidaten für das hohe Amt an den historischen Vorbildern gemessen. Ségolène Royal kann man sich als „Sonnenkönigin“ vorstellen. Sarkozy wird längst als Möchtegern-Napoleon veräppelt. Für Pétain reicht es bestenfalls zum Spuk als Remake in der Person Le Pen. Wenn der Schrecken, den sie verbreitet haben, vorbei ist, taugen Diktatoren kaum zur postumen Witzfigur. Für die Franzosen bleibt die Geschichte eine Tragödie. (J.A.)

          In Rußland darf lediglich ein falscher Lenin zum Gespött werden

          Von der Fähigkeit, über seine Schreckensherrscher im zwanzigsten Jahrhundert zu lachen, ist Russland heute weiter entfernt als zu dem Zeitpunkt, da die Sowjetunion unterging. 1992 drehten die Regisseure Wladimir Studennikow und Michail Grigorjew ihre „Komödie des strengen Reglements“, eine Filmfarce von Strafgefangenen, die die Oktoberrevolution im GULag-Theater nachspielen. Schauspieler Viktor Suchorukow, der sich als Kinobandit Kultstatus erwarb, verkörpert darin einen Häftling, der Lenin mimen muss. Suchorukows Held fühlt sich der Rolle des großen Agitators zunächst nicht gewachsen. Doch er überwindet seine Schüchternheit und steigert sich dermaßen in die Rolle des Revolutionsführers hinein, dass er unter wehenden roten Fahnen einen Gefangenenausbruch improvisiert, während die düpierten Gefängnisaufseher im Publikum begeistert applaudieren.

          Diese Filmkomödie fand keine Nachfolger. Es sei denn, man empfindet jene Schauerszene in Wladimir Sorokins literarischer Antiutopie „Himmelblauer Speck“ als komisch, in der Klone von Stalin und Chruschtschow einen grotesken Liebesakt zelebrieren. In dem 1999 erschienenen Roman ist der Stalinwiedergänger ein rauschgiftsüchtiger Athlet, der des Entstalinisierers Chruschtschow aber ein hakennasiger Dämon, was ihre Kopulation in eine symbolische Yin-und-Yang-Vision verwandelt. Doch die Putin-Jugend der „Zusammengehenden“ (Iduschtschie wmeste) klagte, die Gruselerotik, die sie als pornographisch empfanden, schände die Ehre des Staates. 2002 warfen die „Zusammengehenden“ deshalb vor dem Bolschoi-Theater demonstrativ Sorokin-Bücher in eine Toilettenattrappe und versuchten, den Autor vor ein Strafgericht zu zerren. Dafür ist die vierzigteilige Fernsehserie „Stalin-live“, die in diesem Monat der verstaatlichte Sender NTW ausstrahlt, garantiert humorfrei. Regisseur Grigori Ljubomirow schildert den Diktator aus der Innensicht. Gemächliche, mit philosophischen inneren Monologen unterlegte Kamerafahrten schildern Stalin, wie er sich mit inkompetenten Untergebenen herumschlagen muss und doch der vorausschauende Stratege bleibt. (kho)

          In den Vereinigten Staaten wird noch ein Diktator gesucht

          Die Geschichte der Vereinigten Staaten lehrt uns, dass das Land noch keinen Diktator kannte. Das Internet will uns jedoch glauben machen, dass das nicht stimmt. Wer sich dort vieltausendfach als „American dictator“ herumtreibt, ist nicht schwer zu erraten, und sollte es noch Zweifel geben, müssten sie spätestens beim Besuch von YouTube verfliegen. Zu sehen ist da George W. Bush, wie er im einschlägigen Videoclip nicht nur als „American dictator“ beschimpft wird, sondern dafür auch noch polemisch zusammengeschnittene Belege liefern muss. Die viereinhalb Minuten sind böse, in ihrem Collageverfahren unfair, bisweilen aber auch komisch. Dafür sorgt der Präsident nicht zuletzt selbst, wenn er, wie es scheint, als juxender Wahlkämpfer mit dem Gedanken spielt, diktatorisch das Land zu regieren.

          Was im Internet oder im satirischen Rahmen erlaubt ist, wird jetzt der nüchternen Analyse noch nicht ganz standhalten. Außerordentlich spekulativ wäre es auch, vom Spott, wie er in den alten und neuen Medien auf den gegenwärtigen Präsidenten herabregnet, auf die komödiantische Behandlung zu schließen, die ihm als Diktator widerfahren könnte. Zu hoffen wäre jedoch, dass Amerikas Satiriker einem echten amerikanischen Diktator mehr Hohn und Schärfe entgegenbrächten, als sie dies heute gegenüber Präsidenten wagen, die weder flapsigen Fernsehsendungen noch verrätselten Cartoons entwischen, aber unweigerlich mit einem harten Kern von Respekt rechnen dürfen. Die ultimative Verhohnepipelung fehlt fast immer. Und das kommt nun auch einem Präsidenten zugute, der, wie die letzte Wahl allen virtuellen Unkenrufen zum Trotz zeigte, es zum Diktator nicht gebracht hat, aber wie geschaffen ist für die voll ausgewachsene Lachnummer. (J.M.)

          In Spanien wird Franco gleichzeitig veralbert und verehrt

          Als Deutscher reibt man sich die Augen, was mehr als dreißig Jahre nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im demokratischen Spanien möglich ist. Etwa, dass sein Grab sich als monströse Weihestätte präsentiert, an der rechte Nostalgiker für frische Blumen sorgen. Oder dass die von seiner Tochter geleitete Franco-Stiftung ungestört das ideelle Erbe des „Caudillo“ pflegen darf und dafür, dass sie den Historikern geschichtliche Dokumente vorenthält, bis vor kurzem noch Subventionen erhielt. Weil die spanische Gesellschaft tief gespalten ist, die Einzelteile aber machen, was sie wollen, darf Franco heute ebenso beweihräuchert wie verhöhnt werden. An heimlichem Hohn hatte es schon während der fast vierzigjährigen Diktatur nicht gefehlt. Franco-Witze, die auf den Kontrast zwischen dem Allmachtsanspruch des Generalissimo und seiner mickrigen körperlichen Erscheinung zielten, waren weit verbreitet. Heldenverehrung war ohnehin ein schwieriges Geschäft: Franco war nicht nur klein, sondern auch rundlich, hatte eine hohe Stimme und ausdruckslose Augen. Seine Rhetorik war kläglich, sein Charisma gleich null.

          Doch erst nach dem Übergang zur Demokratie konnten Filme es wagen, den Übervater der spanischen Nation offen zu parodieren. 1987 drehte Antonio Mercero mit einer Verbeugung vor Chaplins „Großem Diktator“ die Doppelgänger-Komödie „Warte im Himmel auf mich“. Auch in Francisco Regueiros Film „Madregilda“ von 1993 (mit Barbara Auer) nimmt Franco eine diskrete Komödienrolle ein. Dasselbe gilt für „Operation Gónada“ von Daniel F. Anselem (2000), wo sich der Witz an der anzüglichen Idee entzündet, ein Spanier habe ein sensationell wärmendes Suspensiorum erfunden, das den deutschen Truppen beim Russland-Feldzug gute Dienste leisten könne. Der katalanische Theaterrisseur Albert Boadella thematisiert in seiner 2003 herausgekommenen Franco-Komödie „Gute Reise, Exzellenz!“ nicht nur das Verknöcherte, Überlebte des Regimes, sondern stellt implizit auch die Frage, warum die Spanier es so lange mit diesem Diktator ausgehalten haben. Großes Kino ist aus keinem der Franco-Filme geworden. Und Skandale, die eine Figur wie Hitler noch hergibt, können sie nicht auslösen. Der jungen Generation von Spaniern ist Franco so fern wie uns Bismarck. (P.I.)

          In Italien gilt Lächerlichkeit als politische Höchststrafe

          Hitler und Mussolini waren noch am Leben, da schlug die italienische Satire bereits knallhart zu: Am 26. Juni 1944 hatte im römischen Teatro Valle die Komöde „Con un palmo di naso“ (deutsch: Mit einem langen Gesicht) Premiere. Italiens berühmtester und bis heute unsterblicher Komiker Totò ließ es sich nicht nehmen, direkt nach der Befreiung der Ewigen Stadt den Führer und den Duce gleichzeitig zu interpretieren - übrigens assistiert von Anna Magnagni, von der leider nicht überliefert ist, ob sie etwa mit einer blonden Perücke die Eva Braun gegeben hat. Die Kritik feierte damals die diabolischen Züge und Wutausbrüche des totòschen Hitler als genial. Mussolini bekam nur eine Rolle als dessen Marionette zugewiesen, als ein an Fäden gezogener Pinocchio. Das römische Publikum raste vor Vergnügen, während der Duce in Salò seiner Marionettendiktatur vorstand und der Führer im Bunker noch vom Endsieg faselte.

          Totòs Verhohnepiepelung der Diktatoren steht in der italienischen Tradition, die Mächtigen höchstens so lange zu erdulden, bis sie nicht mehr schaden können. Danach sind sie - seit den alten Römern über die Päpste bis heute - dem Urteil des Volkes preisgegeben, und dessen Höchststrafe lautet: schallendes Gelächter. Erst vor ein paar Wochen startete im Kino die Klamaukkomödie „Fascisti su marte“ (Faschisten auf dem Mars, unsere Abbildung): Eine Gruppe unverbesserlicher Schwarzhemden fliegt unter Anführung eines schwachköpfigen Dickmopses ins All, um die Marsmännchen umzuerziehen - natürlich vergeblich. Italiener sind empfänglich für solchen Humor, müssen sie doch bis heute mit der Enkelin des Duce, Alessandra ihres Namens, leben, die als schmollmündige Mammà im Parlament für ein ehrenvolles Angedenken ihres Opas kämpft. Da ist der Schritt von der Wirklichkeit zu Comedy ohnehin nur ein ganz kleiner. (dsch)

          In China treibt man mit Mao nur verhalten Scherz

          Am meisten haben die Chinesen über Mao gelacht, als er noch gar nicht lange tot war. Anfang der achtziger Jahre überschwemmte eine Welle derber Witze das Land, die sich vorzugsweise von der legendären sexuellen Potenz des Tyrannen inspirieren ließen. Das war ein Auf-den-Boden-Zurückholen jener Überpolitisierung, die über jeden einzelnen Chinesen eine solch fatale Gewalt gehabt hatte. Die Parteiführung hatte sich betreffs Mao 1980 gerade zu der Charakterformel „Siebzig Prozent gut, dreißig Prozent schlecht“ durchgerungen, und dieses Mischungsverhältnis ließ Platz genug für anzügliche Scherze. Mittlerweile ist die Witzewelle abgeflaut, stattdessen wurde der Maoismus seit den neunziger Jahren zum Gegenstand parodierender Verfremdung. Die Schauspieler, die im staatlichen Fernsehen Mao spielten, fingen an, als gern gesehene Gäste bei Varietés und Supermarkteröffnungen im typischen schweren Hunan-Dialekt „Genossen! Unter keinen Umständen den Klassenkampf vergessen!“ zu rufen, und der Mao-Pop, der die alten Propagandaplakate im Warhol-Stil überarbeitete, wurde zum Markenzeichen jener neuen chinesischen Kunst, die in den Galerien der Welt heute so erfolgreich ist.

          Aber ein befreites Lachen ist das nicht, das diese Zitate hervorbringen, eher ein Schmunzeln, bei dem unentschieden bleibt, ob aus ihm Kritik, Nostalgie oder bloß Geschäftssinn für westlichen Geschmack spricht. Denn Mao gehört weiter zur chinesischen Staatsräson. Verboten wurde 2005 eine Novelle von Yan Lianke, in der eine Offiziersgattin und ihr Liebhaber zur Steigerung der Lust Mao-Bilder zerdepperten. Und als eine neuseeländische Studentenzeitung letztes Jahr im „Cosmopolitan“-Stil einen Mao im leichten Sommerkleid auf dem Titelblatt zeigte, verstanden die chinesischen Studenten in Neuseeland überhaupt keinen Spaß: „Der Vorsitzende Mao ist wie Jesus für uns“, soll einer der heftig protestierenden Studenten, fast unter Tränen, gesagt haben. Diese Haltung allerdings dürfte nicht repräsentativ für China sein. (Si.)

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