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Vergangenheitsbewältigung : Wie lacht man über seine Tyrannen?

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In Italien gilt Lächerlichkeit als politische Höchststrafe

Hitler und Mussolini waren noch am Leben, da schlug die italienische Satire bereits knallhart zu: Am 26. Juni 1944 hatte im römischen Teatro Valle die Komöde „Con un palmo di naso“ (deutsch: Mit einem langen Gesicht) Premiere. Italiens berühmtester und bis heute unsterblicher Komiker Totò ließ es sich nicht nehmen, direkt nach der Befreiung der Ewigen Stadt den Führer und den Duce gleichzeitig zu interpretieren - übrigens assistiert von Anna Magnagni, von der leider nicht überliefert ist, ob sie etwa mit einer blonden Perücke die Eva Braun gegeben hat. Die Kritik feierte damals die diabolischen Züge und Wutausbrüche des totòschen Hitler als genial. Mussolini bekam nur eine Rolle als dessen Marionette zugewiesen, als ein an Fäden gezogener Pinocchio. Das römische Publikum raste vor Vergnügen, während der Duce in Salò seiner Marionettendiktatur vorstand und der Führer im Bunker noch vom Endsieg faselte.

Totòs Verhohnepiepelung der Diktatoren steht in der italienischen Tradition, die Mächtigen höchstens so lange zu erdulden, bis sie nicht mehr schaden können. Danach sind sie - seit den alten Römern über die Päpste bis heute - dem Urteil des Volkes preisgegeben, und dessen Höchststrafe lautet: schallendes Gelächter. Erst vor ein paar Wochen startete im Kino die Klamaukkomödie „Fascisti su marte“ (Faschisten auf dem Mars, unsere Abbildung): Eine Gruppe unverbesserlicher Schwarzhemden fliegt unter Anführung eines schwachköpfigen Dickmopses ins All, um die Marsmännchen umzuerziehen - natürlich vergeblich. Italiener sind empfänglich für solchen Humor, müssen sie doch bis heute mit der Enkelin des Duce, Alessandra ihres Namens, leben, die als schmollmündige Mammà im Parlament für ein ehrenvolles Angedenken ihres Opas kämpft. Da ist der Schritt von der Wirklichkeit zu Comedy ohnehin nur ein ganz kleiner. (dsch)

In China treibt man mit Mao nur verhalten Scherz

Am meisten haben die Chinesen über Mao gelacht, als er noch gar nicht lange tot war. Anfang der achtziger Jahre überschwemmte eine Welle derber Witze das Land, die sich vorzugsweise von der legendären sexuellen Potenz des Tyrannen inspirieren ließen. Das war ein Auf-den-Boden-Zurückholen jener Überpolitisierung, die über jeden einzelnen Chinesen eine solch fatale Gewalt gehabt hatte. Die Parteiführung hatte sich betreffs Mao 1980 gerade zu der Charakterformel „Siebzig Prozent gut, dreißig Prozent schlecht“ durchgerungen, und dieses Mischungsverhältnis ließ Platz genug für anzügliche Scherze. Mittlerweile ist die Witzewelle abgeflaut, stattdessen wurde der Maoismus seit den neunziger Jahren zum Gegenstand parodierender Verfremdung. Die Schauspieler, die im staatlichen Fernsehen Mao spielten, fingen an, als gern gesehene Gäste bei Varietés und Supermarkteröffnungen im typischen schweren Hunan-Dialekt „Genossen! Unter keinen Umständen den Klassenkampf vergessen!“ zu rufen, und der Mao-Pop, der die alten Propagandaplakate im Warhol-Stil überarbeitete, wurde zum Markenzeichen jener neuen chinesischen Kunst, die in den Galerien der Welt heute so erfolgreich ist.

Aber ein befreites Lachen ist das nicht, das diese Zitate hervorbringen, eher ein Schmunzeln, bei dem unentschieden bleibt, ob aus ihm Kritik, Nostalgie oder bloß Geschäftssinn für westlichen Geschmack spricht. Denn Mao gehört weiter zur chinesischen Staatsräson. Verboten wurde 2005 eine Novelle von Yan Lianke, in der eine Offiziersgattin und ihr Liebhaber zur Steigerung der Lust Mao-Bilder zerdepperten. Und als eine neuseeländische Studentenzeitung letztes Jahr im „Cosmopolitan“-Stil einen Mao im leichten Sommerkleid auf dem Titelblatt zeigte, verstanden die chinesischen Studenten in Neuseeland überhaupt keinen Spaß: „Der Vorsitzende Mao ist wie Jesus für uns“, soll einer der heftig protestierenden Studenten, fast unter Tränen, gesagt haben. Diese Haltung allerdings dürfte nicht repräsentativ für China sein. (Si.)

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