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Vergangenheitsbewältigung : Wie lacht man über seine Tyrannen?

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Was im Internet oder im satirischen Rahmen erlaubt ist, wird jetzt der nüchternen Analyse noch nicht ganz standhalten. Außerordentlich spekulativ wäre es auch, vom Spott, wie er in den alten und neuen Medien auf den gegenwärtigen Präsidenten herabregnet, auf die komödiantische Behandlung zu schließen, die ihm als Diktator widerfahren könnte. Zu hoffen wäre jedoch, dass Amerikas Satiriker einem echten amerikanischen Diktator mehr Hohn und Schärfe entgegenbrächten, als sie dies heute gegenüber Präsidenten wagen, die weder flapsigen Fernsehsendungen noch verrätselten Cartoons entwischen, aber unweigerlich mit einem harten Kern von Respekt rechnen dürfen. Die ultimative Verhohnepipelung fehlt fast immer. Und das kommt nun auch einem Präsidenten zugute, der, wie die letzte Wahl allen virtuellen Unkenrufen zum Trotz zeigte, es zum Diktator nicht gebracht hat, aber wie geschaffen ist für die voll ausgewachsene Lachnummer. (J.M.)

In Spanien wird Franco gleichzeitig veralbert und verehrt

Als Deutscher reibt man sich die Augen, was mehr als dreißig Jahre nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im demokratischen Spanien möglich ist. Etwa, dass sein Grab sich als monströse Weihestätte präsentiert, an der rechte Nostalgiker für frische Blumen sorgen. Oder dass die von seiner Tochter geleitete Franco-Stiftung ungestört das ideelle Erbe des „Caudillo“ pflegen darf und dafür, dass sie den Historikern geschichtliche Dokumente vorenthält, bis vor kurzem noch Subventionen erhielt. Weil die spanische Gesellschaft tief gespalten ist, die Einzelteile aber machen, was sie wollen, darf Franco heute ebenso beweihräuchert wie verhöhnt werden. An heimlichem Hohn hatte es schon während der fast vierzigjährigen Diktatur nicht gefehlt. Franco-Witze, die auf den Kontrast zwischen dem Allmachtsanspruch des Generalissimo und seiner mickrigen körperlichen Erscheinung zielten, waren weit verbreitet. Heldenverehrung war ohnehin ein schwieriges Geschäft: Franco war nicht nur klein, sondern auch rundlich, hatte eine hohe Stimme und ausdruckslose Augen. Seine Rhetorik war kläglich, sein Charisma gleich null.

Doch erst nach dem Übergang zur Demokratie konnten Filme es wagen, den Übervater der spanischen Nation offen zu parodieren. 1987 drehte Antonio Mercero mit einer Verbeugung vor Chaplins „Großem Diktator“ die Doppelgänger-Komödie „Warte im Himmel auf mich“. Auch in Francisco Regueiros Film „Madregilda“ von 1993 (mit Barbara Auer) nimmt Franco eine diskrete Komödienrolle ein. Dasselbe gilt für „Operation Gónada“ von Daniel F. Anselem (2000), wo sich der Witz an der anzüglichen Idee entzündet, ein Spanier habe ein sensationell wärmendes Suspensiorum erfunden, das den deutschen Truppen beim Russland-Feldzug gute Dienste leisten könne. Der katalanische Theaterrisseur Albert Boadella thematisiert in seiner 2003 herausgekommenen Franco-Komödie „Gute Reise, Exzellenz!“ nicht nur das Verknöcherte, Überlebte des Regimes, sondern stellt implizit auch die Frage, warum die Spanier es so lange mit diesem Diktator ausgehalten haben. Großes Kino ist aus keinem der Franco-Filme geworden. Und Skandale, die eine Figur wie Hitler noch hergibt, können sie nicht auslösen. Der jungen Generation von Spaniern ist Franco so fern wie uns Bismarck. (P.I.)

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