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Vergangenheitsbewältigung : Wie lacht man über seine Tyrannen?

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Von der Fähigkeit, über seine Schreckensherrscher im zwanzigsten Jahrhundert zu lachen, ist Russland heute weiter entfernt als zu dem Zeitpunkt, da die Sowjetunion unterging. 1992 drehten die Regisseure Wladimir Studennikow und Michail Grigorjew ihre „Komödie des strengen Reglements“, eine Filmfarce von Strafgefangenen, die die Oktoberrevolution im GULag-Theater nachspielen. Schauspieler Viktor Suchorukow, der sich als Kinobandit Kultstatus erwarb, verkörpert darin einen Häftling, der Lenin mimen muss. Suchorukows Held fühlt sich der Rolle des großen Agitators zunächst nicht gewachsen. Doch er überwindet seine Schüchternheit und steigert sich dermaßen in die Rolle des Revolutionsführers hinein, dass er unter wehenden roten Fahnen einen Gefangenenausbruch improvisiert, während die düpierten Gefängnisaufseher im Publikum begeistert applaudieren.

Diese Filmkomödie fand keine Nachfolger. Es sei denn, man empfindet jene Schauerszene in Wladimir Sorokins literarischer Antiutopie „Himmelblauer Speck“ als komisch, in der Klone von Stalin und Chruschtschow einen grotesken Liebesakt zelebrieren. In dem 1999 erschienenen Roman ist der Stalinwiedergänger ein rauschgiftsüchtiger Athlet, der des Entstalinisierers Chruschtschow aber ein hakennasiger Dämon, was ihre Kopulation in eine symbolische Yin-und-Yang-Vision verwandelt. Doch die Putin-Jugend der „Zusammengehenden“ (Iduschtschie wmeste) klagte, die Gruselerotik, die sie als pornographisch empfanden, schände die Ehre des Staates. 2002 warfen die „Zusammengehenden“ deshalb vor dem Bolschoi-Theater demonstrativ Sorokin-Bücher in eine Toilettenattrappe und versuchten, den Autor vor ein Strafgericht zu zerren. Dafür ist die vierzigteilige Fernsehserie „Stalin-live“, die in diesem Monat der verstaatlichte Sender NTW ausstrahlt, garantiert humorfrei. Regisseur Grigori Ljubomirow schildert den Diktator aus der Innensicht. Gemächliche, mit philosophischen inneren Monologen unterlegte Kamerafahrten schildern Stalin, wie er sich mit inkompetenten Untergebenen herumschlagen muss und doch der vorausschauende Stratege bleibt. (kho)

In den Vereinigten Staaten wird noch ein Diktator gesucht

Die Geschichte der Vereinigten Staaten lehrt uns, dass das Land noch keinen Diktator kannte. Das Internet will uns jedoch glauben machen, dass das nicht stimmt. Wer sich dort vieltausendfach als „American dictator“ herumtreibt, ist nicht schwer zu erraten, und sollte es noch Zweifel geben, müssten sie spätestens beim Besuch von YouTube verfliegen. Zu sehen ist da George W. Bush, wie er im einschlägigen Videoclip nicht nur als „American dictator“ beschimpft wird, sondern dafür auch noch polemisch zusammengeschnittene Belege liefern muss. Die viereinhalb Minuten sind böse, in ihrem Collageverfahren unfair, bisweilen aber auch komisch. Dafür sorgt der Präsident nicht zuletzt selbst, wenn er, wie es scheint, als juxender Wahlkämpfer mit dem Gedanken spielt, diktatorisch das Land zu regieren.

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