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Filmfestspiele in Venedig : Grausamkeiten im Netflix-Abo

Ungeheuer ohne Vaterland: Idris Elba (links) als „Commandant“ und Abraham Attah (Mitte) in der Rolle des Agu. Bild: AP

Die Filme zeigen geschundene Körper und Seelen, doch sie könnten unterschiedlicher kaum sein. „Spotlight“ und die Netflix-Produktion „Beasts of No Nation“ überzeugen bei den Filmfestspielen in Venedig.

          3 Min.

          Was das unabhängige amerikanische Kino kann, das zunehmend in erster Linie auf Festivals wie diesem stattfindet, ließ sich anhand der ersten Filme gleich nach der Eröffnung begutachten. Einerseits war da „Beasts of No Nation“, der Wettbewerbsbeitrag von Cary Fukunaga – eine mit wenig Geld, fast ohne bekannte Darsteller partisanenhaft im ghanaischen Dschungel gedrehte Geschichte um Agu, einen Kindersoldaten in einem ungenannten afrikanischen Land, und das Bataillon, in dem er landet: ein Herzensprojekt des Regisseurs zuletzt der sehr erfolgreichen ersten Staffel der HBO-Serie „True Detective“. Und andererseits, außer Konkurrenz gezeigt, „Spotlight“ von Tom McCarthy, ein Film über die „Boston Globe“-Reporter, die den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und dessen jahrzehntelange Vertuschung ans Licht brachten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Spotlight“ steht in einer Traditionslinie von Reporterfilmen, hochkarätig besetzt mit Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Liev Schreiber, im Stil und Tempo von „All the President’s Men“ gedreht, mit Augenmerk auf eine großartige Geschichte. Denn sie zeigt noch einmal die heroischen Anstrengungen und wertvollen Ergebnisse der Arbeit einer Gruppe klassischer Reporter, die jeder Spur nachgehen, jeden möglichen Zeugen befragen, sich nicht abweisen lassen und keinerlei institutionelle Rücksichten nehmen.

          Dringlichkeit ist alles, nachdem mehr als ein Vierteljahrhundert über das System von Missbrauch und Vertuschung geschwiegen worden war, obwohl auch dem „Boston Globe“ immer wieder Tipps zugespielt wurden. Aber es brauchte einen Außenseiter, den neuen jüdischen Chefredakteur der Zeitung, der die Recherchen ins Rollen brachte. Es geht eine große Beruhigung von dieser Art von Kino aus. Dass für die Ordnung der Welt schon gesorgt werde. Und dass das Kino uns weiterhin davon erzählen wird.

          Stanley Tucci mit dem „Spotlight“-Regisseur Thomas McCarthy und Mark Ruffalo und (von links).

          Beides lässt sich von „Beasts of No Nation“ nicht sagen. Beruhigend ist hier nichts, nicht die Gesichter, nicht die Hektik, nicht die Willkür auf jeder Ebene, die Fluchten, die Kämpfe, die Vergewaltigungen, die Natur nicht und das, was von der Zivilisation geblieben ist, auch nicht. Auf nichts ist Verlass. Außer, für eine Weile, auf den großen Manipulator, Kriegsverbrecher, Kinderverführer Commandant, gespielt von Idris Elba, der als einziger Star im Ensemble spielt. Agu, gespielt von Abraham Attah aus Ghana, ist um die vierzehn, ein lebhafter Junge, der bei einem weiteren Umschwung der undurchsichtigen Verhältnisse in seinem Heimatland seine Familie verliert und nach der Flucht durch den Dschungel der Truppe von zum Teil halbwüchsigen Kämpfern des Commandanten sozusagen vor die Flinten läuft.

          Und einer von ihnen wird. Eine Bildungsgeschichte der besonderen Art folgt, blutig, laut, grausam, überwältigend in ihrer physischen Zerstörungskraft, auch verstörend. Und vom ersten Bild an stehen Fragen im Raum. Warum nehmen wir alles, was nicht sofort gewaltdurchsetzt ist, im Kontext einer Geschichte aus Afrika als Folklore wahr? Mit welchen vorgestanzten Bilder von Afrika gleichen wir ab, was wir sehen, die Initiationsrituale, die Verkleidungen, die Drogen? Und gibt es überhaupt von unserer Seite der Welt einen Blick auf diesen Kontinent, dem sich irgendetwas von den Auseinandersetzungen, Kriegen, Katastrophen sozusagen authentisch offenbaren würde? Mit solchen Fragen kommt man aus dem Kino, erschlagen auch.

          Der Vierzehnjährige Abraham Attah mit Idris Elba.

          Möglicherweise wird nicht einmal das Kino mehr nach „Beasts of No Nation“ dasselbe sein. Dies ist nämlich der erste Film, den Netflix vertreibt, und zwar nicht nur für seine 65 Millionen Abonnenten – das ist für einen Film wie diesen eine unerwartet solide Zuschauerbasis. Die Streamingplattform soll im vergangenen Jahr für den unabhängig produzierten Film zwölf Millionen Dollar bezahlt haben, um ihn gleichzeitig mit dem Kinostart in den Vereinigten Staaten online stellen zu können.

          Natürlich kann niemand vorhersagen, ob Netflix damit fürs Kino bald von ähnlicher Bedeutung sein wird wie fürs Fernsehen, seit es selbst Serien produziert. Aber erstaunlich ist es schon, dass nun ein Netflix-Film bei drei Filmfestivals an den Start geht – außer Venedig noch Telluride und Toronto – und dann einzig in ein paar Arthouse-Kinos gezeigt werden kann, weil die nordamerikanischen Multiplex-Ketten keine Filme in ihr Programm nehmen, die nicht ausschließlich bei ihnen laufen.

          Es ist einiges durcheinandergekommen im Filmgeschäft, das kann ja eigentlich nicht schaden. Riskantere Filme, riskant für Investoren wie für die Zuschauer, sind auf jeden Fall willkommen. Auch wenn wir sie möglicherweise nur noch auf Festivals oder zu Hause zu sehen bekommen.

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