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Filmfestspiele in Venedig : „Everest“ macht uns keine Angst!

Bild: Universal Pictures

Das Programm der Filmfestspiele klingt gut, mit „Everest“ ist der Auftakt jedoch missglückt. Allerdings kommen noch einige vielversprechende Filme, die diesen Gipfel der Langeweile wiedergutmachen können.

          Nach „Gravity“ im Jahr 2013 und „Birdman“ im vergangenen Jahr als Eröffnungsfilme des Filmfestivals in Venedig ist „Everest“ ein Rückschlag erster Klasse. Danach kann es nur besser werden. Muss es auch, sonst lägen zehn zähe Tage vor uns.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch dafür spricht in der Papierform des Programms (was nicht immer viel heißt) eigentlich nichts. Dort sieht es vielmehr so aus, als zeige sich das Filmfestival Venedig einerseits als glamouröse Startrampe für die ersten Filme, die es auf die Herbstpreise der Standesorganisationen und Kritiker und schließlich auf die Oscars abgesehen haben - dazu gehören neben „Everest“ etwa „Spotlight“ von Thomas McCarthy oder „Black Mass“ von Scott Cooper, die in einer Nebenreihe gezeigt werden, oder auch „The Danish Girl“ von Tom Hooper im Wettbewerb -, andererseits aber auch als Forum des Autorenfilms mit gediegenem Anspruch. Dafür stehen Namen wie Marco Bellocchio aus Italien, Atom Egoyan aus Kanada, Amos Gitai aus Israel, Jerzy Skolimowski aus Polen, Pablo Trapero aus Argentinien oder Alexander Sokurov aus Russland. Und außerdem wird auch noch Cary Fukunaga erwartet, der nach seinen Filmen „Sin Nombre“ und „Jane Eyre“ die erste Staffel der Fernsehserie „True Detektive“ drehte und in beide Lager passen könnte. Der Wettbewerb, in den diese Filmemacher eingeladen wurden, umfasst 21 Filme, darunter wieder keine deutschen und abermals, es muss erwähnt werden, nur zwei von Regisseurinnen: das Spielfilmregiedebüt der Performancekünstlerin Laurie Anderson, „Heart of a Dog“, und „Looking for Grace“ der Australierin Sue Brooks.

          Die ruhmsüchtigen Bergführer

          Zurück jedoch zum Eröffnungsfilm. „Everest“ ist eine englisch-amerikanische Koproduktion des Isländers Baltasar Kormákur, die nicht nur in Nepal, sondern teilweise auch in Südtirol und Cinecittà gedreht wurde. Für ein Festival vom Kaliber Venedigs ist der Film einzig dafür interessant, die Darsteller um Jake Gyllenhaal und Josh Brolin herum auf den roten Teppich zu bringen, darunter möglicherweise Keira Knightley, deren Rolle allerdings sehr klein ist. Der Film selbst verschenkt alles, was in der Geschichte steckt: das Drama am Berg wie die Dramen daheim, die Landschaft, die Konflikte. Die Problematik der Massenbewegung hinauf auf den Berg. Die Geschäftemacherei. Die ökologische Katastrophe, die das bedeutet.

          In dem Bergsteigerdrama gibt es außer Schnee, Eis und Jason Clarke nicht viel zu sehen.

          Die Geschichte ist wirklich passiert und hat es eigentlich in sich. In einem besonders bösartigen Höhensturm starben im Mai 1996 am Mount Everest acht Menschen. Aus Gründen, die der Film nicht einmal andeutet, waren sie zu spät am Nachmittag noch unterwegs oder hatten nicht ausreichend Sauerstoff, um schnell genug wieder abzusteigen. Nicht nur der Sturm löste diese Katastrophe aus, sondern dafür waren auch konkurrierende Teams und falsche Absprachen verantwortlich - und möglicherweise die Anwesenheit des Reporters Jon Krakauer, der darüber ein Buch geschrieben hat („In eisige Höhen“) und ungewollt vielleicht dazu beitrug, dass die ruhmsüchtigen Bergführer Risiken falsch einschätzten.

          Ein schockgefrorener Langweiler

          Der Film aber erzählt von alldem kaum etwas. Figurenzeichnung? Fehlanzeige. Beziehungen aufbauen? Geschieht nicht. Motivlage klären? Oder versteht es sich von selbst, den höchsten Berg der Welt besteigen zu wollen und dafür 70.000 Dollar zu bezahlen? „Weil ich es kann“, ist die einzige Antwort, die wir darauf bekommen. Lahmer ist das kaum zu haben.

          Nun ist das Ganze in 3D gedreht, und man könnte meinen, wenn es mit dem Erzählen nicht so klappt, wäre wenigstens die Höhe, die ja beträchtlich ist und also auch Tiefe hat, dazu angetan, uns Angst einzujagen oder für Effekte zu sorgen, die uns, so oder so, den Atem nähmen. Aber auch das leistet der Film nicht. Nachgerade seriös geht er mit dieser Effektmaschine um, die 3D heißt - als wäre das nicht seine letzte Rettung vor der vollkommenen Ödnis: uns mitzunehmen auf Achterbahnfahrten, uns schwindeln zu machen und das Hirn durchzurütteln oder es schockzugefrieren, damit wir nicht sofort mitbekommen, welche Zumutung dieser Langweiler ist.

          Filmförderung vom Vatikan

          Aber nichts dergleichen geschieht. Und so bleibt in Venedig nur die Hoffnung auf die kommenden Tage. Darauf, dass vielleicht Luca Guadagnino aus Italien uns mit seinem Drama über einen Rockstar und einen Filmemacher (Matthias Schoenaerts und Tilda Swinton) im Urlaub und den Besuch eines alten Freunds mit seiner Tochter (Ralph Fiennes und Dakota Fanning) Lust auf mehr macht, auch wenn es sich bei dem Film offenbar um ein Remake des alten erotischen Sommerheulers „La piscine“ mit Alain Delon und Romy Schneider handelt (ein Film, der von seinen Remakes regelmäßig übertroffen wird).

          An den Themen der Filme jedenfalls wird es nicht gelegen haben, wenn alles schiefgehen sollte. Von Kindersoldaten über die erste Mann-zu-Frau-OP zu den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche ist vieles dabei, was unsere Aufmerksamkeit verdient, auch der erste Film, der jemals vom Vatikan finanziert wurde (über die Schweizer Garde). Es sollte also endlich losgehen in Venedig.

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