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Filmfestival in Venedig : Die Zerstörbarkeit des Menschen

Das Filmfest von Venedig hat lange nicht mehr so viele Filme gezeigt, die sich derart intensiv auf Wirklichkeitsnähe berufen. Vor allem die Dokumentationen stellten Fragen von großer Dringlichkeit.

          Kohleminen im Osten der Inneren Mongolei, Eisenminen im Westen der Inneren Mongolei, in ihnen Arbeiter, die aus Sechuan kommen, keine Rechte und kein fließendes Wasser haben, aber mit öligem Dreck belegte Lungen – „Beixi moshuo“ (Behemoth) von Zhao Liang mischte das Festival kurz vor Schluss noch einmal auf. Weil plötzlich offenbar wurde: Wir hatten bisher in mehr als dreißig Filmen zwar die Errungenschaften der Industrialisierung gesehen, aber nicht ihren Preis. Wir hatten bisher niemanden körperlich arbeiten sehen. Überhaupt kaum Körper gesehen, nah, spürbar aus Fleisch und Blut. Wir waren (bis auf wenige Ausnahmen, den Kindersoldatenfilm „Beasts of No Nation“ vor allem und dem türkischen Apokalypsefilm „Abluka“) auf Distanz gehalten worden, hatten aus sicherem Abstand Schauspielen zugeschaut, mehr oder weniger engagiert, beglückt, empört, angeregt, gelangweilt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und dann dies. Ein Film ohne Spielhandlung aus den chinesischen Minen (mit einigen unnötigen künstlerischen Leitmotiven, orientiert an Dantes „Göttlicher Komödie“ und guerrillamäßig gefilmt, Kameras sind in den Minen nicht gern gesehen), ein Film, der neben der saftig grünen, aber immer kleiner werdenden Wiese für die Schafe, die einst das ganze Land abgrasen konnten, in Staublandschaften ungeheuerlichen Ausmaßes führt; der mit den Arbeitern in den alles erschütternden Lärm des Tagebaus hinabfährt, mit anderen an den Hochöfen steht, wo das Eisen kocht; ihnen zuschaut, wie sie sich an Plastikschüsseln waschen, in ihren Wunden pulen und schließlich mit verklebten Lungen im Hospital den Tod erwarten. Zwischendurch ihre schweißüberzogenen Gesichter, groß, nah, bewegungslos. Keiner dieser Arbeiter sagt ein Wort. Aber ihre Körper und ihre Gesichter sprechen von der Zerstörbarkeit des Menschen.

          Hochhäuser, die niemand braucht

          „Beixi moshuo“ war die Ausnahme im Programm. Ein Film, den zwar ein gesprochener Kommentar begleitet, der von dem Monster erzählt, das von Tausenden Bergen gefüttert wird, ein Film aber, der das Wesentliche in seinen Bildern erzählt, die tatsächlich vom Purgatorium, der Hölle und einem Paradies künden, das sich Dante allerdings nicht hätte träumen können: die Geisterstadt in Ordos, Hunderttausende leere Wohnungen und Büros in schlanken rotbeigen Hochhäusern, alle gleich, alle ohne einen einzigen Menschen darin. Straßen, an denen die Ampeln umschalten, aber kein Auto in Sicht ist, auch kein Fußgänger außer dem Hausmeister, der hier und da ein Stückchen Papier aufspießt. „Alles geht in den Stahl, mit dem wir unser Paradies bauen“, heißt es dazu, wobei „alles“ heißt: das Leben der namenlosen Menschen, die wir zuvor gesehen haben. Und dann diese Bilder. Kilometerweit Hochhäuser, die niemand braucht.

          Es war ein starkes Finale eines sehr vermischten Festivalprogramms, der einzige asiatische Beitrag übrigens im Wettbewerb. Zuvor hatte Atom Egoyan mit seinem Film „Remember“ einen ärgerlichen Beitrag abgeliefert, ärgerlich, weil er sein Publikum bis zum Schluss – der damit eingeläutet wird, dass die Hauptfigur Lev, ein Überlebender von Auschwitz und dement, Wagners „Liebestod“ auf dem Klavier spielt – an der Nase herumgeführt hat. Aber: In diesem Film spielt Christopher Plummer die Hauptrolle. Ein alter Mann spielt einen alten Mann, schlurfenden Schritts, mit müder, fleckiger Haut. Er sieht aus, wie kaum noch jemand im Kino aussieht, mit einem Gesicht, aus dem die Beweise seiner Erfahrungen nicht beseitigt wurden. Und dann, unverzeihlich, verrät ihn der Film am Schluss aufs fürchterlichste. Egoyan war einmal ein Meister darin, verborgene Wahrheiten zum Vorschein zu bringen, übereinanderliegende Schichten unterschiedlicher Grade von Wirklichkeit und Identität zu separieren und nebeneinander auszubreiten. Hier, wie schon seit langem, so scheint es, spielt er nur ein plumpes Spiel. Eine Enttäuschung, nicht die einzige im diesjährigen Programm.

          Wann ist ein Festival ein gutes Festival? Man fragt sich das am Ende einer solchen Veranstaltung nicht immer. Die Frage stellt sich nur, wenn man nicht ganz satt geworden ist von all den Filmen, Stars und Dokumentationen, nicht einmal vom Beiprogramm, das am Lido gegenüber der Lagune liegt. Manchmal reicht ein Blick hinüber, zu den Kuppeln der Paläste, den Türmen der Kirchen Venedigs, um an Illusionen zu glauben. Aber in diesem Jahr, während die Kunstbiennale als zusätzliches Beiprogramm so viele weitere bewegte Installationen und fast überall wieder Filme bot, wirkten die Illusionen, die uns im Festivalprogramm geboten wurden, im Dutzend billiger, bevor überhaupt das Licht ausging.

          Zu glauben, was wir sehen, obwohl wir wissen, es ist gespielt – dafür ist das Kino zuständig. Ganz zu Beginn des Festivals gab es dafür in „Beasts of No Nation“ von Cary Fukunaga ein schönes Bild. Dort versuchen ein paar Kinder, einzig das Gehäuse eines alten Fernsehers als „imaginäres TV“ zu verkaufen, indem sie es wie ein Fenster (oder ein Kasperltheater, wovon sie nie etwas gehört haben dürften) vor sich halten und dahinter Kung-Fu-Szenen mit Kicks und Schlägen spielen oder Seifenopern mit Tränen und Umarmungen. Aber das Spiel, lustig und kreativ, wie es ist, wird natürlich von allen auf den ersten Blick durchschaut. Es ist schließlich nur ein Holzrahmen mit ein paar Kindern dahinter. Ein bisschen scheint dies die Angst vieler Leute im Filmgeschäft zu sein: dass ihr Spiel leicht durchschaubar ist und es mit den Illusionen nicht mehr so richtig klappen könnte.

          Gangstergeschichten und eine Baronesse, die schlecht singt

          Das Festival in Venedig hat darauf in seiner Filmauswahl mit einer Vielzahl von Produktionen reagiert, die im Vorspann behaupten: nach einer wahren Geschichte. Als sei das ein Ausweis für Relevanz. Als zeige dies, das Kino mische sich in die Geschichte ein, spiele eine Rolle in der Wirklichkeit, wenigstens rückblickend, als Interpretationsmaschine oder als Gedächtnis vielleicht. Und das mit Spielfilmen, die, auf seltsame Weise und oft mit Stars besetzt, offenbar den Dokumentarfilmen die Show zu stehlen versuchen: Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Eine Gangstergeschichte aus Boston aus den Siebzigern. Eine Gangstergeschichte aus Buenos Aires aus den Siebzigern. Eine Bergbesteigung. Eine Transgender-Geschichte aus den Zwanzigern. Eine Baronesse, die schlecht singt, und niemand sagt es ihr, um die Jahrhundertwende zwischen neunzehntem und zwanzigstem etwa. Alles wahre Geschichten, die zum Teil aufwendig, zum Teil genrehaft, blutig und dynamisch wiedererzählt wurden, und häufig fragte man sich: warum?

          Der beste Film: eine Dokumentation

          Was die Wirklichkeit angeht, deren sich diese Filme bedienen, so kann sie in der kinohaften, konventionellen Form den Dokumentationen nicht das Wasser reichen. Längst ist es umgekehrt, wie Zhao Liangs „Beixi moshuo“ so offensichtlich bewies. Und auch der andere herausragende, der beste Film, der in Venedig zu sehen war, war eine Dokumentation. Allerdings eine, die mit den Mitteln des Spielfilms arbeitet: Amos Gitais Recherche zur Ermordung von Jitzhak Rabin, „Rabin, the Last Day“ .

          Die Fragen also, die sich in Venedig stellten, waren einmal nicht die nach der Zukunft des Kinos, des Films oder, ganz praktisch, der Branche, von der alle leben, die dabei waren. Und vielleicht ist es das, was über die Qualität eines Festivals bestimmt. Nicht nur die Meisterwerke und ob sie fehlten, sondern: Bleiben Fragen, über die sich nachzudenken lohnt? In dieser Hinsicht war Venedig in diesem Jahr ein Fundgrube.

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