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Filmfestival in Venedig : Einer tötet, viele sind schuld

Noch ahnt er nichts: Szene aus „Rabin, the Last Day“ von Amos Gitais. Bild: Biennale

Dieser Film wird für Kontroversen sorgen: „Rabin, the Last Day“ von Amos Gitais greift frontal die israelische Rechte an und ist eine Hommage an den früheren Ministerpräsidenten.

          Wenn bei einem Filmfestival die Enttäuschung über vieles matt Fiktionale, über Ausgedachtes und Halbgegartes wächst, schlägt die Stunde des Dokumentarfilms. Meistens muss man sich dann in den Nebenreihen umsehen. In Venedig aber läuft ein Dokumentarfilm im Wettbewerb, der vermutlich für einige Kontroversen sorgen wird, vor allem in Amos Gitais Heimat Israel. „Rabin, the Last Day“ heißt sein neuer Film, und er ist eine Rekonstruktion des Tags, an dem der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin ermordet wurde. Am Ende lässt sich zweierlei daraus lernen. Wie nah damals, 1995, nach Oslo, nach dem Friedensnobelpreis für Rabin, seinen Außenminister Peres und den PLO-Führer Arafat, Israel einem Bürgerkrieg gewesen ist. Und dass der Ermordung eine Hetzkampagne schmutzigster Art und eine nahezu mutwillige Schlamperei des Sicherheitsdienstes, in dem ein Mann mit engen Verbindungen zu rechtsradikalen Rabbinern eine zentrale Position innehatte, vorausgingen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dem Film zugrunde liegt Gitais Empörung und Trauer darüber, dass mit Rabins Ermordung nach einer riesigen Friedensdemonstration mitten in Tel Aviv am 4. November 1995 durch den rechtsfanatischen Jurastudenten Yigal Amir und dem Ende des Friedensprozesses im Nahen Osten die Hoffnung auf Normalität gestorben ist. Dass aber die Männer, die im Hintergrund, als Provokateure, Aufpeitscher, Ideologen mitverantwortlich waren für diesen Mord, ihn vorbereiteten, forderten, instrumentierten, dass diese Männer und Ihresgleichen immer noch da sind. Dass ihr Einfluss so sehr gewachsen ist, dass die Vorstellung, Siedlungen im Westjordanland würden geräumt, wie wir es in Gitais Film sehen - brutal übrigens von Seiten der israelischen Soldaten gegenüber den sehr jungen Siedlern -, völlig unmöglich geworden ist. Verzweifelt über die sich immer weiter ausbreitende Subkultur der religiösen Rechten, hält Gitai daran fest, dass Israel ein säkularer Staat, nicht ein religiöser sei. Er wird in Israel, und für dieses Land ist sein Film gedreht, dafür nicht nur geliebt werden.

          Im Krankenhaus: „Rabin, the Last Day“ legt den Fokus auf die letzten Minuten im Leben von Yitzhak Rabin.

          Sein Vorgehen ist klassisch. Er verwendet Dokumentarmaterial und Fernsehaufnahmen von damals, er führt Interviews mit Schimon Peres und Lea Rabin, und er inszeniert Szenen mit Darstellern. Im Zentrum steht die Untersuchung der Shamgar Commission, die unmittelbar nach dem Mord eingesetzt wurde, um Fehler im Vorgehen der Sicherheitskräfte an jenem Tag zu untersuchen. Ausdrücklich war sie nicht eingesetzt worden, um den kulturellen Untergrund auszuleuchten, aus dem der Mörder kam, und Gegenstand waren auch nicht jene, die ihn aufhetzten. Jedes Wort, das in Gitais Film gesprochen wird, ist dokumentiert, es gibt keine erfundenen Dialoge. Und so sehen wir einen Film, der in gewisser Weise nachholt, was damals versäumt wurde - eine Untersuchung, die den Hass rechtsorthodoxer Rabbiner und ihre religiösen Verfluchungen, die Mordaufrufe gegen Rabin miteinbezieht.

          Das Ergebnis ist keine Mystifikation Rabins. Auch verlässt man das Kino nach diesem Film nicht mit der Überzeugung, dass es Rabin und Peres tatsächlich gelungen wäre, einen dauerhaften Frieden herzustellen, wäre Rabin nicht ermordet worden. Eine Szene in der Knesset, in der Netanjahu ihn übel beschimpft und das Wort „Verräter“ fällt, das schon auf den Pappsärgen und Transparenten so vieler Demonstranten zu sehen war, die Rabin in Nazi-Uniform zeigen, dämpft jeden rückwärtsgewandten Optimismus. Für Gitai ist dies ein sehr persönlicher Film. Er hatte Israel nach dem Libanonkrieg 1982 verlassen und war erst nach Rabins Wahl 1992 zurückgekehrt: um Zeuge des Friedensprozesses zu sein. Sein Film ist eine Hommage an den Mann, der wusste, dass sich Frieden mit Macht nicht erreichen lässt.

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