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Filmfestival in Venedig : Wären wir bereit für härteren Stoff?

Das Vergnügen, eine Frau zu sein, währt nur kurz: Eddie Redmayne in einer Szene aus „The Danish Girl“. Bild: Filmfestival Venedig

In „The Danish Girl“ ruft alles nach Preisen: Tom Hooper zeigt in Venedig einen starbesetzten Film über einen der ersten Männer, der zur Frau wurde. Auch die Werke von Alexander Sokurov und Frederick Wiseman können sich sehen lassen.

          Für Favoriten ist es zu früh, aber Kritikerliebling unter den Wettbewerbsfilmen am Lido bisher ist der Russe Alexander Sokurov mit seinem Film „Francophonia“. Sokurov gilt als großer Filmkünstler, seine neunzigminütige ungeschnittene Kamerafahrt durch die Hermitage („Russian Ark“) ist unvergessen. Aber worauf will er in seinem neuen Film hinaus, der hier weitläufig bewundert wird?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Einerseits geht es um den Louvre, die Verehrung des Filmemachers für dieses Museum, in dem er im Re-enactment wie im Fernsehen Szenen aus der Zeit der Besetzung von Paris durch die Nazis plaziert - mit den Kunstwerken gegenüber außerordentlich respektvollen deutschen Besatzern, unter denen Sokurov vor allem Graf Metternich und seine Zusammenarbeit mit Jacques Jaujard interessiert, der für die französischen Museen verantwortlich war.

          Szene aus Alexander Sokurovs „Francophonia“

          Erzählt wird ihre Geschichte aus dem Off, möglicherweise von dem Filmemacher selbst, der in einem Zimmer auf- und abgeht und versucht, über Skype mit einem Mann auf See Kontakt zu halten, der auf seinem Containerschiff auch einige Kisten voller Kunst geladen hat, die im Sturm von Bord zu rutschen drohen. Von dort schweift die Kamera immer wieder durch die Räume des Louvres. Vor allem streicht sie über Porträts aus der Renaissance (bis hin zur Mona Lisa am Schluss, eine lächerliche Pointe für einen wiederkehrenden Witz). Die Frage kommt auf, was es für Europa bedeute, dass europäische Maler anfingen, Gesichter zu malen, die uns nun aus der Vergangenheit anschauen, sie wird aber nicht beantwortet.

          Überflieger außer Konkurrenz

          Sokurov scheint es um die Zusammenhänge von Kunst, Macht und Politik zu tun zu sein, brennende Fragen gerade jetzt, aber so, wie er die Sache angeht, lässt sich nichts daraus lernen. Außerdem sieht es in seinem Film so aus, als hätten die Deutschen in Paris vor allem Kunst gerettet. Es gibt keinen einzigen Juden in diesem Film. Dafür später Dokumentaraufnahmen aus dem Hungerwinter in Leningrad, wo dann endlich auch mal von Toten die Rede ist, von einer Million Toten. Aber haben sie für die Kunst im Louvre mit ihren Leben bezahlt? Vom Film aus gesehen, ließe sich diese absurde Folgerung ziehen.

          Transgender-Meeting in Jackson Heights: Szene aus Frederick Widemans Film

          Es gibt aber auch Filme, die glücklich machen. Meistens handeln sie nicht von glücklichen Menschen. Aber fast immer handeln sie von Menschen. Zum Beispiel Frederick Wisemans „In Jackson Heights“. Der Name ist immer ein Versprechen, das der fünfundachtzig Jahre alte Amerikaner fast immer erfüllt. Lässig in einem gelben Leinenanzug nahm er den Applaus entgegen, der ihn überschüttete, noch bevor der Film überhaupt begonnen hatte. Er lief außer Konkurrenz, stellt aber vieles im Wettbewerb in den Schatten.

          Sie mögen einander nicht, aber sie finden zusammen

          „In Jackson Heights“ ist, was der Titel sagt: Eine Rundumbegehung des New Yorker Viertels im Stadtteil Queens, das (bisher) weder hip noch schick ist noch nahe an Manhattan liegt. Aber es ist eines der Viertel, in dem Straßenhändler einen beachtlichen Anteil am Handel haben, in dem die meisten unterschiedlichen Sprachen gesprochen werden (167) und in dem seit dem neunzehnten Jahrhundert eine Einwanderergruppe nach der nächsten ankam und sich arrangierte. Die europäischen Einwanderer mit den Asiaten, die Asiaten mit den Europäern und den Südamerikanern aus vielen verschiedenen Ländern, diese wiederum mit den Arabern, die auch irgendwann kamen, und umgekehrt. Sie mögen einander nicht immer, aber im Fall gleicher Interessen finden sie zusammen: wenn es darum geht, kleine Geschäfte vor dem Rauswurf durch ihre Vermieter zu bewahren; in Schwuleninitiativen; bei Fragen zum Erhalt der Qualität des Schulunterrichts; in der Lehrstunde für Einwanderer.

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