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Filmfestival in Venedig : Wären wir bereit für härteren Stoff?

Inzwischen ist die Synagoge am Tag des Gedenkgottesdiensts an den Holocaust beinahe leer. In der Moschee ein paar Ecken weiter betet die mehrfache Anzahl Männer, möglicherweise aus Indonesien oder Bangladesch. Im jüdischen Gemeindezentrum, das zur Synagoge gehört, aber überkonfessionell arbeitet, treffen sich altgewordene Aktivisten der Schwulenszene, junge Transgender-Männer und -Frauen haben anderswo ihren Treffpunkt.

Eine Operation, die sie nicht lange überlebte

In Wisemans Film lernt man in 190 Minuten eine riesige Zahl unterschiedlicher Möglichkeiten kennen, Mensch zu sein. Und Bürger zu sein - mit allen Papieren, die es offiziell dazu braucht, mit ein paar von ihnen, mit gar keinen. Und dabei wird niemand sentimental, behauptet niemand, das Zusammenleben sei leicht, vielmehr zeigt Wiseman die verschiedenen Initiativen bei der Arbeit, das Altenheim, die Graswurzelbewegung gegen die Gentrifizierung, die in Form eines Plans droht, das Viertel zum „Business Improvement District“ zu erklären. In zahllosen größeren oder kleineren Initiativen arbeiten die Bewohner von Jackson Heights, die eine ausgeprägte Liebe zu ihrem Viertel verbindet, an der Durchsetzung ihrer Rechte, an Lösungen ihrer Schwierigkeiten, an einem Stück Gemeinschaft, in dem Raum auch für Einzelgänger ist. Und das Ganze kommt so unaufgeregt daher, mit der Geduld eines Mannes gefilmt, der gewohnt ist, sich Zeit zu nehmen, die Leute kennenzulernen, in deren Räume er eindringt, und ihnen Respekt zu zollen.

Amber Heard (l.), Regisseur Tom Hooper, Alicia Vikander, Eddie Redmayne und Matthias Schoenaerts auf dem Weg zur Aufführung von „The Danish Girl“

Wie weit der Weg war, bis in einem Viertel in Queens eine schwarze Transgender-Frau mit offenem Blick in eine Filmkamera sagen kann (was einen besonderen Witz hat): „Als schwarze Frau habe ich auf der Straße weniger Probleme als früher als schwarzer Mann“, das zeigte „The Danish Girl“, der Wettbewerbsfilm von Tom Hooper, in dem es um die Geschichte von Lili Elbe geht, die als Einar Wegener ein bekannter Maler in Kopenhagen war, bevor sie um 1930 herum beschloss, sich als eine der ersten den geschlechtsanpassenden Operationen zu unterziehen, die sie nicht lange überlebte.

Fast in Orchesterwellen ertrunken

Hoopers Film zieht eine historische Linie, die letztlich in die Bürgerrechtsläden in Jackson Heights und anderswo führt. Ansonsten ist er in nichts mit Wisemans Werk zu vergleichen - „The Danish Girl“ ist eine starbesetzte, grandios und mit großer Sorgfalt geschmackvoll ausgestattete Produktion, in der vermutlich nichts dem Zufall überlassen wurde.

Alles hier ruft nach Nominierungen und Preisen, die bald auf den Film regnen werden - für das Darstellerteam um Eddie Redmayne, der sich auf Figuren, die enorme körperliche Transformationen durchmachen, zu spezialisieren scheint (seine Darstellung von Stephen Hawking brachte ihm einen Oscar), die Kameraarbeit, die Ausstatter, Kostüm- und Maskenbildner. Wunderschön (und auch geschönt) die Liebesgeschichte des Ehepaars Wegener - auch die Ehefrau, gespielt von Alicia Vikaner, ist Malerin, und sie ist es, die in ihren Sketchen von Einar eigentlich Lili erstmals zum Vorschein bringt. Das ist, bei alldem Mainstreamhaften, aus dem der Film kommt und dem er verhaftet bleibt, ein zarter Zugang zu diesem Thema, das ja in Form berühmter Transgender-Fälle längst bei Hinz und Kunz angekommen ist, was nicht bedeutet, die Diskriminierung sei vorbei. Beinahe nur wäre das solide Melodram noch von der Musik von Alexandre Desplat vermasselt worden, dem es fast gelungen wäre, jede Subtilität in seinen schwappenden Orchesterwellen zu ertränken.

Wären wir in Zeiten von Caitlyn Jenner reif für härteren Stoff? Möglicherweise. Aber gibt es schönere Klamotten für eine Frau im Übergang als die Jugendstilseidenroben, die Eddie Redmayne hier tragen darf?

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