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Paul Schrader wird siebzig : Nicht weinen, wenn es vorbei ist

Umstritten und erfolgreich: Paul Schrader. Bild: AP

Mit siebzehn hat er seinen ersten Film gesehen. Siebzehn Filme hat er bislang selbst gedreht. Zum siebzigsten Geburtstag des amerikanischen Filmregisseurs Paul Schrader.

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          Seine große Zeit waren die Siebziger, den ersten Abgesang aufs Kino schrieb er in den Neunzigern, vor drei Jahren drehte er einen herrlichen Kurzfilm zum Thema (dazu gleich mehr), aber in Cannes in diesem Jahr, wenn auch nicht im Wettbewerb, da lief dann doch wieder ein Kinofilm von ihm. „Dog Eat Dog“ hieß er, spielte unter Gangstern, Nicholas Cage und Willem Dafoe waren dabei, und das Ganze sah weder nach Alterswerk noch nach gewöhnlichem Kino aus. „Von der post-rules generation“ inspiriert, nannte Paul Schrader das, um zu erklären, warum er alle Fesseln klassischen Erzählens fallengelassen hatte.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er hat ja recht, wenn er sagt, die Zuschauer heute seien an alles gewöhnt, was früher niemand machte, an Schwarzweiß in Farbfilmen, Animation in Spielfilmen, ihre Gehirne seien anders verkabelt als die früherer Generationen, multimediale Technologien hätten eben Folgen. So sieht dieser Film aus: mal pink, mal schräg, drogenumnebelt, sehr gewalttätig, mit einer Tonspur, auf der sich Surferrock und Stimmen aus dem Jenseits abwechseln.

          Die Figuren aber, um die es geht, sind Figuren, wie sie Schrader immer interessiert haben: die Verlierer Amerikas, die trotz allem daran glauben, irgendetwas in diesem Land unendlicher Möglichkeiten, das sie abgehängt hat, gewinnen zu können, und sei es mit Gewalt. In „Dog Eat Dog“ – einem Titel, der sich weniger auf Hunde als darauf bezieht, dass jeder gegen jeden kämpft – läuft bereits in der ersten Szene im Hintergrund eine Talkshow, die genau diesen letzten möglichen Sieg im Kampf ums Glück verspricht: Der amerikanische Traum ist der Traum von der Waffe für alle.

          Männer, „die Amerika gemacht hat“

          Paul Schrader hat mit siebzehn seinen ersten Film gesehen, er kommt aus einem calvinistischen Elternhaus, da war das so. Und er hat übers Schreiben begonnen, sich dem Kino zu nähern, als Kritiker, als Essayist, als Drehbuchautor. Von seinen Essays sagt Schrader, manche seien „voll jugendlichen Schwungs“, manche führten in die Irre, und „einige sind ziemlich gut“. Ziemlich gut zum Beispiel ist sein buchlanger Essay „Transcendental Style in Film: Ozu, Bresson, Dreyer“ aus dem Jahr 1972, der stilistische Übereinstimmungen zwischen dem Japaner Yasujiro Ozu, dem Franzosen Robert Bresson und dem Dänen Carl Theodor Dreyer herausarbeitet und dabei den Begriff der Transzendenz in die Filmtheorie einführt.

          Zu einiger Berühmtheit und für eine Weile auch ein bisschen Geld haben Schrader die Drehbücher für Martin Scorseses „Taxi Driver“ und „Raging Bull“ verholfen, auch Scorseses „Bringing Out the Dead“ entstand nach seinem Drehbuch. In ihrem Mittelpunkt stehen Männer, „die Amerika gemacht hat“, wie Schrader sagt, verstörte, kaputte, arme Typen, die mit vollem Körpereinsatz für ihr Stückchen vom großen Kuchen der Glücksversprechen kämpfen oder niedermähen, wer ihn ihnen streitig zu machen scheint – Kunstfiguren, der Wirklichkeit abgeschaut.

          Wir wissen nicht mehr, was Film eigentlich ist

          Schrader selbst hat, was nicht die endgültige Zahl bleiben muss, siebzehn Filme gedreht. „American Gigolo“ wurde 1980 sofort ein Klassiker, mit „Cat People“ drehte er zwei Jahre später einen Klassiker des Horrorfilms neu und scheiterte nicht, und „Mishima – A Life in Four Chapters“, seine Erkundung in Leben und Selbstmord des japanischen Schriftstellers, wurde 1985 sein glanzvollster.

          Unterwegs aber hat Schrader es sich mit einer Menge Leute im Filmgeschäft verdorben. Er setzte ein Remake des „Exorzisten“ in den Sand, drehte eine über Kickstarter finanzierte Pornogeschichte mit Lindsay Lohan, was schon wie ein Verzweiflungsakt aussah, verlor einen Film an seinen Produzenten und dann endlich dies: eine Einladung nach Cannes, ein fertiger Film mit richtigen Schauspielern, gedreht in Cleveland, das heruntergekommen aussieht, aber ein Stück vergangener Größe noch ahnen lässt. Wie Amerika. Wie dieser Film von Paul Schrader, wie „Dog Eat Dog“.

          Wer ahnen will, in welchem Geist er trotz allem immer weiter arbeitet, mag sich den oben erwähnten Kurzfilm anschauen. Schrader läuft dort in New York durch den Highline Park, mehrfach verkabelt und umstellt von Gestänge, auf dem verschiedene Mobiltelefone befestigt sind, mit denen er sich selbst filmt. Eine Art Wrap-around-Selfie-Steadycam. Währenddessen erzählt er über die Dialektik von Inhalt und Form und warum sich heute, da sich die Form in den zahlreichen unterschiedlichen Möglichkeiten, Filme zu machen und zu sehen, ständig verändere, das Kino inhaltlich nicht stabilisieren könne. Was bedeutet: Wir wissen nicht mehr, was Film eigentlich ist. Dazu lacht er unter einem neongrünen Helm und geht ab. Heute wird er siebzig.

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