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Ulrich Seidls Film „Paradies: Hoffnung“ : Antipassionsspiel

Kampf mit den Pfunden: Melanie (Melanie Lenz) und ihre Mitpatientinnen in „Paradies: Hoffnung“ Bild: Ulrich Seidl Film Produktion

Der Österreicher Ulrich Seidl beendet seine „Paradies“-Kinotrilogie mit der Geschichte eines Mädchens, das in einer Diätklinik Pfunde verlieren will - und sich in einen älteren Arzt verliebt.

          2 Min.

          Man könnte den Film als Teenagerdrama lesen. Ein dickes Mädchen fährt in den Sommerferien in eine Diätklinik in den Voralpen. Es wird getriezt, bekocht, durchs Gelände gejagt, quatscht mit seinen Zimmergenossinnen über Sex und Liebe und Mode und Süßigkeiten - und verliebt sich in den Arzt, der die Klinik leitet. Doch es wird nichts daraus, weder aus der Liebe noch aus dem Abnehmen, und so enden die Ferien, wie sie begonnen haben.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber das genügt Ulrich Seidl nicht. Bei dem Österreicher, der als Dokumentarist angefangen hat, muss es immer ums große Ganze gehen, den Menschen schlechthin, mit der Betonung auf „schlecht“.

          Oben Liebe, unten Glaube, dazwischen Hoffnung

          Schon der Titel „Paradies: Hoffnung“ setzt einen Maßstab, dem die kleine Geschichte von Melanie (Melanie Lenz) und ihrem Arzt (Joseph Lorenz) unmöglich genügen kann. Und wer die beiden anderen Teile von Seidls „Paradies“-Trilogie gesehen hat, spürt auch noch das Gewicht ihrer Bilder auf diesem Epilog lasten, das Kruzifix unter der Bettdecke, die Orgie im Park, die fette nackte Frau unter dem Moskitonetz.

          Schon bei Krzysztof Kieslowskis „Drei Farben“ vor zwanzig Jahren hatte das Trilogie-Prinzip etwas Zwanghaftes, es ließ die Figuren an Fäden zappeln, die weit außerhalb der Erzählung lagen. Jetzt, bei Seidl, der aus einer Idee drei Filme gemacht hat, ist das Kino endgültig zum Regalsystem geworden, in dem die Geschichten abgelegt werden, die Liebe oben, der Glaube unten und die Hoffnung irgendwo dazwischen.

          Wie komisch diese Menschlein sind

          Wie die Seidlsche Methode funktioniert, kann man gut an dem zentralen Motiv in „Paradies: Hoffnung“ erkennen. Er lässt Melanie ausführlich von ihrer Verliebtheit erzählen, im Bett auf ihrem Zimmer und dann im Behandlungsraum des Arztes. Aber er folgt nie ihrem Blick auf das Objekt ihres Begehrens. Stattdessen zeigt er den Arzt als traurige Witzfigur, dem außer einem alten Saab wenig Erinnerungen an das wilde Leben geblieben sind. Der dünne Mann und das dicke Mädchen - in einer anderen Welt wären sie vielleicht ein gutes Paar, doch dafür interessiert sich Seidl nicht.

          Er will zeigen, wie komisch das aussieht, diese Menschlein, die einander quälen und unglücklich machen auf der Suche nach dem Glück, diese unförmigen Kinderleiber, die an Turngeräten hängen oder im Wasser auf und ab hüpfen. Deshalb stellt er seine Kamera immer so auf, dass sie sich aus allem heraushalten kann, aus den Gefühlen, den Trieben, dem Sehnen und Scheitern seiner Figuren, er lässt sie laufen, aber er läuft nicht mit.

          In der Hölle des Konzeptkinos

          Denn dies ist nicht das Paradies, es ist die Hölle des Konzeptkinos, in der sich Laien wie Berufsschauspieler vergeblich mühen, vor dem Richterblick ihres Regisseurs Gnade zu erlangen. Seidl selbst, der als Kind Priester werden sollte, erzählt in jedem Interview, wie sehr der leibfeindliche Katholizismus seiner Jugend seinen filmischen Blick geprägt hat. Aus den Passionsspielen, mit denen er aufwuchs, sind bei ihm Antipassionsspiele geworden; die Leibfeindlichkeit ist geblieben.

          Alles mündet in ein Bild. Der Arzt holt die im Vollrausch bewusstlose Melanie mit dem Auto in einer Dorfdisko ab, um sie in die Klinik zurückzubringen. Dann aber biegt er in einen Waldweg ein. Er legt das Mädchen halbnackt auf den Boden, geht auf die Knie und beginnt, an ihr herumzuschnüffeln. Dann bricht die Szene ab. Ulrich Seidl will uns im Kino nichts zeigen. Er will uns nur mit seinen Einfällen kitzeln. Das ist lachhaft, aber nicht zum Lachen.

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