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Vorwürfe gegen Ulrich Seidl : Das grausame Machtgefälle zwischen dem Regisseur und den Kindern

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Ulrich-Seidl-Film „Rimini“, der auch auf der Berlinale 2022 zu sehen war. Bild: Ulrich Seidl Filmproduktion

Gegen den österreichischen Regisseur Ulrich Seidl ermitteln rumänische Behörden. Bei den Dreharbeiten zu „Sparta“ soll er mehrfach Kinder ausgenutzt haben. Ausgerechnet jetzt kommt sein Film „Rimini“ ins Kino.

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          Wenn man Literatur studiert, sollte einem eins gleich am Anfang beigebracht werden: Fiktionalität und Fiktivität sind nicht das Gleiche. Auf keinen Fall darf man sie verwechseln! Der Roman, der Film, das Theaterstück, die von fiktiven Personen erzählen, sind fiktional, denn es gibt sie ja wirklich. Die Handlungen aber, ihre Figuren, sind fiktiv. Deshalb braucht man sich praktischerweise auch nicht wirklich zu fürchten, wenn sie zum Beispiel einen Unfall haben. Der fiktionale Pakt erlaubt es, dem Unfall zu glauben, ohne an ihn zu glauben. Wenn das bloß so einfach wäre.

          Auch noch nie einfach waren die Filme von Ulrich Seidl. Wer ein paar kennt, erinnert sich an viele unangenehme Gefühle: beim Blick auf Menschen, die sich als Hund im Keller anleinen lassen, vom Aussterben bedrohte Tiere jagen, Kinder in Diätcamps drillen, immer in der seidltypischen langen, unbewegten, unbarmherzig scheinenden Einstellung in Zentralperspektive.

          Und gerade bei den Dokumentarfilmen sind da auch die unangenehmen Fragen: Warum lässt sich jemand freiwillig so filmen? Kann die Distanz einer Kameraperspektive schon grausam sein? Aber darf sich nicht jeder so filmen lassen, wie er will, solange es freiwillig passiert? Immer wieder saßen die Protagonisten von Seidls Dokumentarfilmen bei Festivalpremieren sogar im Publikum. Auch in Spielfilmen wurden die Figuren oft von Laien gespielt, die offenbar einiges mit ihren Rollen gemeinsam hatten.

          Wer bislang aber dachte, dass man bei Seidls Spielfilmen zumindest moralisch auf der sicheren Seite sei – sind ja nicht echt, die Unfälle –, muss seit ein paar Wochen umdenken. Anfang September, kurz vor der geplanten Premiere seines neuen Spielfilms „Sparta“ beim Filmfestival in Toronto, veröffentlichte der „Spiegel“ einen Artikel, der sich auf die Aussagen der Eltern von mindestens acht der minderjährigen rumänischen Filmdarsteller und einiger Darsteller selbst stützt.

          Bei den Dreharbeiten in Rumänien seien die Kinder nicht genug geschützt worden, wenn sie bei belastenden Szenen etwa angefangen hätten zu weinen; einem Jungen sei außerdem gegen seinen Willen sein Oberteil ausgezogen und dann versteckt worden. Zum anderen wussten die Eltern nichts davon, dass es in dem Film um eine pädophile Hauptfigur (gespielt von Georg Friedrich) geht; ihnen sei gesagt worden, es gehe im Film um Fußball oder Judo.

          Hätten sie von der Pädophilie gewusst, hätten sie ihre Kinder nicht mitspielen lassen, sagen sie. Ein Assistent berichtet außerdem, Seidl habe einen Jungen absichtlich in einer Szene mit einem betrunkenen Mann eingesetzt, um möglichst „echte Emotionen“ filmen zu können, weil er gewusst habe, dass der Junge und seine Mutter erst vor Kurzem den eigenen alkoholkranken und gewalttätigen Vater verlassen hatten.

          Eltern, die ans Set gekommen seien, um zuzusehen, seien abgewiesen worden. „Ich glaube, sie haben uns betrogen, weil wir arm sind“, zitiert der „Spiegel“ einen Vater. In Rumänien wird jetzt von Polizei und Kinderschutzbehörde ermittelt.

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