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Reiz des Stummfilms : Soll der Berg stärker sein als ich?

Faszinierende Naturaufnahmen der italienischen Dolomiten: Arnold Fancks „Der Berg des Schicksals“ Bild: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Bei den UFA Filmnächten in Berlin war der Arnold-Fanck-Film „Berg des Schicksals“ zu sehen, in einer Neufassung des fast 100 Jahre alten Originals. Das Ergebnis zeigt: Stummfilme können auch in Streaming-Zeiten bestehen.

          3 Min.

          Gar nicht so einfach, den Kindern im Jahr 2022 einen Stummfilm zu erklären. „Ein Spielfilm, 90 Minuten lang, ohne Ton?“ Pause. „Dafür spielt ein Orchester Musik dazu.“ Pause. „Ah, also wie ‚Tom und Jerry‘.“ Pause. „Hm. Ja. Irgendwie schon.“

          Andreas Lesti
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Was soll man den Kindern auch sagen, wenn man zur UFA Filmnacht geht, auf die Berliner Museumsinsel, um sich vor der Fassade des Alten Museums auf einer großen Open-Air-Leinwand einen fast 100 Jahre alten Arnold-Fanck-Film anzusehen, live begleitet vom Metropolis Orchester Berlin. Gezeigt wurde „Der Berg des Schicksals“, der 1924 im UFA-Pavillon am Berliner Nollendorfplatz Weltpremiere hatte. Das passte damals in die Zeit. Die Alpen und ihre Heldengeschichten faszinierten die Menschen mehr und mehr. Im Winter wurden Skiklubs gegründet, erste Lifte gebaut und immer abenteuerlichere Touren unternommen. Im Sommer wurde durch immer schwierigere Felswände geklettert, weil die höchsten Gipfel auf den normalen Routen längst bestiegen waren. Und all das fand seinen Weg in die bildende Kunst, die Fotografie, in Dokumentationsfilme und in die Literatur. Im November des Jahres 1924 erschien auch Thomas Manns „Zauberberg“.

          Heroisch am Gipfel: Luis Trenker auf dem „Berg des Schicksals“
          Heroisch am Gipfel: Luis Trenker auf dem „Berg des Schicksals“ : Bild: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

          „Der Berg des Schicksals“ vereinte erstmals diese Geschichten mit den neuesten Filmtechniken. Er war der erste Berg-Spielfilm und begründete das Genre – ein dramatisches Heldenepos, klassisch erzählt in fünf Akten, mit Höhen und Tiefen, Naturaufnahmen, wie man sie bis dahin nicht gesehen hatte, und einem charismatischen Hauptdarsteller, von dem man noch einiges hören sollte – es war der erste Auftritt von Luis Trenker.

          Hackbrett-, Alphorn- und Jodeleinlagen

          Doch nach der Uraufführung 1924 hat Arnold Fanck seinen Film wesentlich überarbeitet, gekürzt und neu veröffentlicht. Das Original dagegen ging verloren. Seitdem gibt es zwei gekürzte Kopien aus Zellulosenitrat und ein beschädigtes Fragment, die alle in verschiedenen Archiven schlummerten. 2018 kam die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung auf die Idee, die Filmelemente zu kombinieren, mit internationalen Quellen anzureichern, digital zu restaurieren, um mit einer Neufassung der Uraufführung möglichst nahe zu kommen. Als Referenz für die Schnittfolge und die Zwischentitel diente wiederum eine Nitrokopie aus der Sammlung von Leni Riefenstahl, auf der man eine 200 Meter lange Produktionsspur gefunden hatte. Die Rekonstruktion war eine ebenso mühsame wie aufwendige Detektivarbeit, die ganze vier Jahre lang andauerte.

          Die Neufassung zeigt: Stummfilme können  auch in Streaming-Zeiten bestehen.
          Die Neufassung zeigt: Stummfilme können auch in Streaming-Zeiten bestehen. : Bild: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Quelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

          Blieb nur noch die Begleitmusik. „Eine Originalmusik gab es bei der Uraufführung mit großer Sicherheit nicht“, sagt Friedemann Beyer, der Kurator der Neufassung. Damals habe das Orchester mit kompilierter Musik begleitet. Also beauftragte man den Wiener Komponisten Florian C. Reithner, eine neue Filmmusik zu schreiben, mit der das Metropolis Orchester Berlin die Vorführung nun begleitete – mit folkloristischen Elementen wie Hackbrett-, Alphorn- und Jodeleinlagen.

          Das Ergebnis ist beeindruckend und kann es dramaturgisch, da würden vermutlich auch die Kinder zustimmen, mit „Tom und Jerry“ aufnehmen. Das liegt an der Qualität des Originals, an der Qualität der Rekonstruktion und an der Qualität der Musik. Die Aufnahmen der italienischen Dolomiten sind noch immer faszinierend: wie die Wolken im Zeitraffer über die Felszinnen ziehen, wie die Kameras die Kletterer aus spektakulären Perspektiven zeigen (man mag sich gar nicht vorstellen, mit welchem Aufwand sie damals die schwere Ausrüstung in die Berge schleppten), wie das Wetter umschlägt und der Schnee die Steilwände hinabstürzt. Dazwischen verdeutlichen plakative Zwischentitel die Geschichte: „Er liebte den See, in dem seine Berge sich spiegeln“, „Er soll seines Kindes halber das Klettern lassen“, „Schau, Bubi, ob Vater nicht von den Bergen zurückkommt“, „Soll der Berg stärker sein als ich?“ – „Unmöglich!“ Und währenddessen säuseln die Geigen, Orgelmelodien plätschern, die Harfe beruhigt erst und zupft dann an den Nerven, die Jodler echoen, das Alphorn dröhnt und peng knallt die Pauke: der Absturz! Und als wäre auch das reale Wetter Teil dieser vielschichtigen Choreographie, weht in diesem Moment ein kühler Wind über die Museumsinsel.

          Das ist der Gipfel!

          Dieses Zusammenspiel macht die 90 Minuten Stummfilm zu einem erstaunlich kurzweiligen Vergnügen. Schnell nimmt die Geschichte Fahrt auf und das Drama seinen Lauf: Der ungesichert kletternde Vater („Free Solo“ würde man heute sagen) stürzt beim Versuch, die Felsnadel Guglia del Diavolo zu besteigen, in den Tod. Er hinterlässt Frau und Kind, und natürlich ist es Jahre später der Sohn, gespielt von Luis Trenker, „ein Tiroler Meisterkletterer“, wie es im Vorspann heißt, der dem Vater nacheifert, aber zugleich der Mutter das Versprechen gegeben hat, niemals auf die Guglia zu klettern. Stattdessen versucht sich seine Jugendfreundin Hella an der steilen Felszinne und gerät in ein Unwetter. Nun bricht der Sohn sein Versprechen, rettet sie – und der Weg zu ihr führt aus rein dramaturgischen Gründen über die Spitze der vermaledeiten Guglia del Diavolo. Und so endet der „Berg des Schicksals“ mit einem großen Happy End. Kausalität? Ach. Bei „Tom und Jerry“ fragt auch keiner danach.

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