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Hollywood-Klassiker : Das unsterbliche Epos

Mario Puzo im Jahr 1970, bei der Arbeit am Drehbuch für „Der Pate“ Bild: Picture-Alliance

Der Corleone-Clan bleibt ein Phänomen der modernen Kultur: Vor hundert Jahren wurde Mario Puzo geboren, der Autor des „Paten“.

          3 Min.

          Im Jahr 1955 veröffentlichte der junge Schriftsteller Mario Puzo seinen ersten Roman. Er heißt „The Dark Arena“ und spielt größtenteils im Bremen der Nachkriegsjahre. Walter Mosca, ein amerikanischer GI, hat aus einer vagen Sehnsucht heraus – Krieg ist nun einmal alles, was er kann – seine amerikanische Verlobte verlassen, um in den norddeutschen Trümmern seine Geliebte Hella wiederzufinden. Puzo, der auf eigene Erfahrungen aus der Soldatenzeit zurückgriff, schildert die zerbombte deutsche Landschaft nüchtern und ohne Moralisieren als kapitalistische Tauschhandelszone mit zwei Währungen: Zigaretten und Frauenkörper. Der düstere Roman soll in Amerika achtbare Kritiken erhalten haben. Vermutlich wird er heute immer noch mehr gelesen als die meisten zergrübelten Nachkriegsschilderungen der damals als jung geltenden deutschen Literatur; Geld aber brachte „Die dunkle Arena“ dem fünfunddreißig Jahre alten Autor nicht ein. Puzo und seine deutsche Frau Erika hatten Kinder und steckten in Schulden.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          In seinem fünften Roman versuchte Puzo es daher mit etwas Populärem. Er schrieb eine Mafia-Geschichte, die mit seiner eigenen Erfahrung nicht das Geringste zu tun hatte. Acht Verleger lehnten ab. Der neunte, G. P. Putnam’s Sons, gab dem Autor fünftausend Dollar Vorschuss und verdiente mit „The Godfather“ (1969) ein Vermögen. Dasselbe lässt sich natürlich auch von Mario Puzo sagen, der vor genau hundert Jahren im New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen als Sohn italienischer Einwanderer geboren wurde. Mehr als fünfzehn Monate lang stand sein Roman „Der Pate“ auf Platz eins der amerikanischen Bestsellerliste und erreichte über die Jahre eine vielfache Millionenauflage. In Deutschland wiederholte sich der Erfolg. Mit diesem Buch habe „der Trivialroman des zwanzigsten Jahrhunderts seine Höchstform erreicht“, hieß es in dieser Zeitung am 17. März 1970, und da der Rezensent ein langes Gedächtnis hatte, warnte er nach Lektüre vor dem „Hitler in uns selbst“.

          Jetzt müsste eigentlich die Geschichte von Francis Ford Coppola folgen, dessen dreiteilige Verfilmung des „Paten“ zwischen 1972 und 1990 den Ruf des Romans bis heute bei weitem überstrahlt. Doch Coppola hat den Roman und seine Magie vehement verteidigt. Nachdem der weitgehend unbekannte Regisseur früh die Filmrechte erworben hatte, zerlegte er mit einigem handwerklichen Aufwand das Hardcover der Originalausgabe, klebte breite Papierränder um jede einzelne Seite, um Platz für seine Anmerkungen zu haben, verstärkte den Rand der Lochung mit selbstklebenden Ringen und schuf sich im Aktenordnerformat das Arbeitsbuch – „the Godfather Notebook“ – für seinen Film. Er führte es immer mit, er notierte, erweiterte, überschrieb. Am Ende hatte Coppola den Film in eine doppelte Hommage verwandelt: einerseits an den Autor und Drehbuchpartner, weshalb er Teil eins mit dem Namen „Mario Puzo’s The Godfather“ bewerben ließ; andererseits an Hitchcock, dessen Werk ihn ständig neu vor die Frage stellte: Wie kann ich diese Geschichte möglichst intensiv und effektvoll erzählen?

          Eine Welt aus Leder, Schweiß und abgesägten Schrotflinten

          Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Produktionsgeschichte des „Paten“, dass sowohl der Autor der Vorlage als auch der Regisseur behauptete, eher empfindlich gegenüber Gewalt zu sein. Vielleicht konnten sie nur so die berühmteste Gewaltsaga der Filmgeschichte schaffen, in der emblematische Schauspieler der Zeit mitspielten, vom alten Marlon Brando bis zum blutjungen Al Pacino, zu schweigen von einem Baby, das ein Mädchen war und über dem Taufbecken einen Jungen spielte: Sofia Coppola. In der eindrücklichsten Hubschrauberszene, die wohl je gedreht wurde, kommt nur das donnernde Geräusch der Rotoren, nicht der Hubschrauber selbst vor. Und erst seit dem „Paten“ weiß man, wie man einen Menschen mit einem abgebrochenen Brillenbügel töten kann.

          Mario Puzo hatte seinerseits kein Problem damit, zum hochbezahlten Profi der Filmindustrie aufzusteigen. Für seine Drehbücher der ersten beiden Lieferungen des „Paten“ erhielt er je einen Oscar, später schrieb er das Skript zu „Superman“ (Teil 1 und 2) und Coppolas „Cotton Club“. Sein Roman „Der Sizilianer“ (1984) ist sicherlich eine Romantisierung und als solche Teil einer nach Schweiß und Leder riechenden, nur noch ironisch aufzufassenden Männerwelt: Michael Corleone soll in Sizilien den berühmten Outlaw Salvatore Giuliano treffen und sicher nach Amerika bringen. Doch dazu kommt es nicht. Immer noch interessant an dieser Robin-Hood-Geschichte voller knurriger Jungs, abgesägter Schrotflinten (die sizilianische lupara, „Wolfstöter“) und der einen oder anderen obligatorisch glutvollen Frau ist, wie getreulich sie die Thesen von Norman Lewis’ Klassiker „Die ehrenwerte Gesellschaft: Die Geschichte der Mafia“ (1964) illustriert. Puzos Roman erzählt, dass das Wiedererstarken der Mafia nicht möglich gewesen wäre, hätten die Alliierten sie nicht in ihrem Kampf gegen den Faschismus strategisch benutzt.

          Man neigt dazu, Puzos Leistung als Autor geringzuschätzen, weil sich sein späteres Werk allein vom Mafia-Mythos nährt. Unsterblichkeit ist ihm dennoch gewiss. Oder ist es eine Kleinigkeit, das Bild einer Minderheit in Amerika fast ausschließlich aus Gewalttaten zu weben, ohne dass die Achtung der Welt dadurch wahrnehmbar geringer geworden wäre? Auch „The Sopranos“, die Mutter aller modernen Fernsehserien, verdankt sich dem Pathos des „Paten“. Es ist der Konsument in uns selbst, der den Gegenständen Dauer verleiht.

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