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„Hedis Hochzeit“ im Kino : Der Nachtmahr vor der Hochzeit

Zweisamkeit? Majd Mastoura und Rym Ben Messaoud (rechts) in „Hedis Hochzeit“. Bild: dpa

Bei der Berlinale wurde der Film mehrfach ausgezeichnet, und das nicht ohne Grund: „Hedis Hochzeit“ von Mohamed Ben Attia zeigt das tunesische Kino auf Weltniveau.

          Die Wanderungsbewegung zwischen Afrika und Europa übers Mittelmeer ist gar keine Einbahnstraße. Jedenfalls nicht ästhetisch. So ist etwa die markante Bilderhandschrift der Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne aus Belgien bis nach Tunesien gelangt, zu Mohamed Ben Attia, der in seinem ersten langen Spielfilm die Kamera in dardennescher Weise auf seinen Titelhelden Hedi hetzt: Sie fällt ihm in den Rücken, sitzt ihm im Nacken, schaut ihm über die Schulter, löst sich nicht mehr von ihm, begleitet jeden Schritt. Und Ben Attia erzählt auch wie die Dardennes (die als Produzenten von „Hedis Hochzeit“ fungierten): scheinbar leidenschaftslos, ganz sachlich, doch in diesem Individualporträt wird eine ganze Gesellschaft sichtbar.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Hedi Barrak ist ein junger Tunesier von 25 Jahren, wohnhaft in Kairouan, beschäftigt in Tunis, nämlich als Verkäufer für die französische Automarke Peugeot, aber im Außendienst. Das bedeutet häufige Fahrten in den Badeort Mahdia, wo er sich, weil „künstlerisch veranlagt wie sein Vater“, vor Kundengesprächen drückt, wie es eben geht.

          Kurz vor der Hochzeit

          Noch unverheiratet, wohnt Hedi bei seiner verwitweten Mutter, doch eine Braut ist schon ausgeguckt, man kennt sich seit drei Jahren, findet sich auch sympathisch, fummelt bisweilen nachts im eigenen Peugeot aneinander herum, und eine Wohnung für das Paar wird schon im Haus der Mutter eingerichtet. Die Hochzeit steht nämlich unmittelbar bevor, und dafür kommt sogar Hedis älterer Bruder nach Kairouan zurück, der in Frankreich Beschäftigung und eine Frau gefunden, sogar eine kleine Tochter hat. Deshalb gilt er der Mutter als Tausendsassa, während sie das Leben des Nesthockers gar nicht erst aus der Hand zu geben gedenkt. Und wie sollte das nach der Eheschließung anders werden, wenn Hedi zu Hause wohnen bleibt?

          So flüchtet der sich in einer Phantasiewelt auf Papier: Hedi zeichnet Comics, apokalyptische Szenen, wie man sie von französischen Autoren der siebziger Jahre kennt. Das gelobte Land ist allein schon deshalb auch für ihn Frankreich, und als er die fünf Jahre ältere Rim kennenlernt, die als Animateurin in einer von deutschen Touristen frequentierten Ferienanlage arbeitet, aber bald ihr Glück in Montpellier suchen will, tut sich ihm nicht nur in Sachen Leidenschaftlichkeit eine neue Welt auf. Mit einem Mal wird Hedi vor die Herausforderung gestellt, eigene Entscheidungen zu treffen – gemäß einem klassischen Filmtitel pünktlich zur „Nacht vor der Hochzeit“.

          Kompromisslos unprätentiös

          Mit Hollywood-Erzählmustern oder gar dem dortigen Starsystem hat Mohamed Ben Attias Film indes nichts zu tun. Der Hauptdarsteller Majd Mastoura hat für seine Rolle zwar den Darstellerpreis auf der diesjährigen Berlinale gewonnen, aber der belohnte ein kompromisslos unprätentiöses Spiel, das auf jede Gefühlsregung verzichtet.

          Wo wird es Hedi (Majd Mastoura) hin verschlagen? Der junge Tunesier hat einen Job, und seine Hochzeit steht bevor, doch wie sein ganzes Land nach dem Arabischen Frühling hat er die alten Sicherheiten verloren, und die neuen Aussichten sind unklar.

          Hedi ist Mastoura auf den Leib geschrieben, und ob der Schauspieler jemals wieder eine vergleichbare Leistung erbringen wird, darf man bezweifeln – so wie ja auch das Kino der Dardennes mit Ausnahme von Olivier Gourmet keine Stars hervorgebracht hat, sondern jeweils überragende Einzeldarstellungen. Genau das macht auch die Qualität von „Hedis Hochzeit“ aus, der für das vom Regisseur verfasste Drehbuch und Frédéric Noirhommes Kameraarbeit noch zwei weitere Silberne Bären verdient gehabt hätte, aber immerhin den Preis für den besten Debütfilm der Berlinale gewann.

          Politisches Zeitzeugnis

          Es ist die geradezu sozialdokumentarische Akkuratesse dieses im erzählerischen Geist des Neorealismus gedrehten Films (dem aber die modernen technischen Möglichkeiten eine Unmittelbarkeit gestatten, von denen Rosselini und Co. nur hätten träumen können), die ihn nicht nur zum künstlerischen Ereignis, sondern auch zu einem politischen Zeitzeugnis macht. Tunesien in der Zeit nach dem Arabischen Frühling ist ein Land, in dem sich nichts verbessert hat, und die Relikte der religiösen Tradition sind in der bürgerlichen Familie Barrak noch ebenso sichtbar wie ein Wirtschaftssystem, das nicht nach Effizienzkriterien, sondern nach Patronageprinzipien geht. Einmal nur tritt Hedis Schwiegervater in spe, ein Unternehmer, auf, aber weitaus wichtiger sind zwei kurze Erwähnungen, die darüber Auskunft geben, dass zunächst sein Pass eingezogen und er schließlich verhaftet wurde. Damit bricht ein zentraler Baustein der mütterlichen Pläne weg.

          Doch daraus macht der Film gar kein Drama, er bleibt strikt bei Hedi, dessen Europasehnsucht erst geweckt und dann auf die Probe gestellt wird. Nicht so, wie man erwarten könnte, also nicht bei der Ausreise, auch nicht in Frankreich – Mohamed Ben Attias Film verlässt Tunesien nicht. Das ist die Pointe dieser Geschichte, die von einem Humanismus geprägt ist, der zeigt, wie nahe sich Europa und Afrika geistig sein können, zumindest in der Kunst. Und wie „Hedis Hochzeit“ nach anderthalb faszinierenden Stunden sein zwingendes Ende findet, das müsste alle Filmemacher dieser Welt neidisch machen.

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