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Trickfilm-Pionier : Ray Harryhausen mit 92 Jahren gestorben

Ray Harryhausen, 1920 bis 2013 Bild: picture-alliance / Mary Evans Pi

Regisseure wie George Lucas, Steven Spielberg, Peter Jackson und James Cameron betrachten ihn als Vorbild. Jetzt ist der legendäre Trickfilmer Ray Harryhausen in London gestorben.

          2 Min.

          Man liest: „Roy Holdstrom baute Dinosaurier in der Garage, seit er zwölf war. Die Dinosaurier jagten seinen Vater über den Hof, auf 8-mm-Film, und fraßen ihn auf. Später, als Roy zwanzig war, verfrachtete er seine Dinosaurier in kleine Hinterhofstudios und fing an, die billigen Filme über versunkene Welten zu drehen, die ihn berühmt machten. Seine Saurier nahmen soviel Raum in seinem Leben ein, dass seine Freunde sich Sorgen machten und sich Mühe gaben, ein nettes Mädchen zu finden, das mit seinen Ungeheuern leben konnte. Sie suchten immer noch.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das liebevolle Porträt eines alten Bekannten, das Ray Bradbury 1990 in seiner Erzählung „A Graveyard for Lunatics“ leichthändig hingetuscht hat, verleiht dem Handwerk der Animation von Knetmonstern nach dem mühsamen Bild-für-Bild-Verfahren den melancholischen Glanz vergessener Berufe (Türmer, Wollschläger, Stellmacher) und abgetaner Techniken, von denen jedes Zeitalter einige vergessen muss, wenn es endet (Mami, was war eigentlich ein Maustreiber?).

          Auch kleine hilfreiche Geister wurden erst gesondert bewegt und dann in die Szenen mit den Schauspielern kopiert. Bilderstrecke

          „Roy Holdstrom“ steht für Ray Harryhausen, der im Alter von dreizehn Jahren 1933 „King Kong“ sah, dessen Riesenaffe der Monsteringenieur Willis H. O‘Brien geschaffen hatte, bei dem Harryhausen alsbald mit Arbeitsproben auf 16-(nicht, wie Bradbury mutmaßte, 8-)Millimeter-Film vorstellig wurde. Weil dem Meister die Heimarbeiten gefielen, durfte Harryhausen sofort die Zauberlehre antreten. Sein Gesellenstück war, wie „King Kong“, ein kolossales Affentheater, „Mighty Joe Young“ (1949), nie fertiggestellt dagegen wurde – wie schade, schon von der Idee wird einem schwindlig – das gleichzeitig begonnene Projekt „El Toro Estrella“ über einen Stierkampf mit, was sonst, einem Dinosaurier.

          Es folgten schleimtriefende Meeresmissgeburten („The Beast from 20 000 Fathoms“, 1953), humanoide Mülltonnengeschöpfe aus dem All („Earth vs. the Flying Saucers“, 1956) und bocksbeinige, gehörnte Zyklopen („The Seventh Voyage of Sindbad“, 1958, die erste farbige Animationsorgie ihrer Art). Sie alle tobten durch Instant-Mythen, die Bewegern und Gestaltern der visuellen Popkultur des letzten Jahrhunderts von Forrest J. Ackerman (er erfand das Peinwort „SciFi“) über die japanischen Schöpfer von Gojira („Godzilla“) bis zu George Lucas den Weg freimachten. Lucas indes war 1977 mit „Star Wars“ auch derjenige Harryhausen-Enkel, der dem Handwerk des zum Chefzauberer gereiften einstigen Lehrlings die Totenglocke läutete – robotische Tricks und Computeranimationen sollten fortan neue Sorten von Illusionen auswerfen, die den Abschied der Gattung Film vom Erzählfluss aus einzelnen Fotos erleichterten – im toten Winkel der Evidenz des Phantastischen, wo aus Rechenkapazität Überwältigungsmacht wird.

          Dass Harryhausen es nicht verschmähte, für sein letztes großes Projekt „Clash of The Titans“ (1981) die neuen Automaten mit eigenen Verfahren zu kombinieren, passt in eine Werkbiographie, die wusste, dass die einflussreichsten Lehrer immer die sind, deren Lernwille nie stirbt. Harryhausens Erbe wird daher auch nicht liegenbleiben. Seine Arbeitsweise erlebt derzeit einen Funktionswechsel; von Leuten wie Tim Burton wird
          sie geradezu gegensinnig verwendet: nicht mehr als Täuschungstechnik, sondern anti-illusionistisch, von der eigenen Künstlichkeit berauscht. Die Ideen der Künstler haben, wie diese selbst, eben Schicksale, die das banale Alltagsverhältnis von Zweck und Mittel übersteigen. Am Dienstag ist Ray Harryhausen im Alter von 92 Jahren in London gestorben.

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