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„Toy Story 4“ im Kino : Wie echt hätten wir’s denn gern?

Fotorealismus als ästhetisches Prinzip, aber dass die Puppen tanzen dürfen, das zeugt noch von Phantasie: Szene aus „Toy Story 4“. Bild: Disney-Pixar

Pixar setzt seinen berühmtesten Trickfilmzyklus fort: „Toy Story 4“ bietet neue Höhepunkte an gezeichnetem Realismus und viele alte Bekannte.

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          Fast alles, was künstlerisch künstlich und ertragreich am Kino ist, hat mittlerweile seine Heimat im Disney-Konzern gefunden – Star Wars, Marvel, Pixar. Da ist es auch gut aufgehoben, weil Walt Disney selbst der Begründer des meisten ist, was heutige Tricktechnik ausmacht. Schon seine erste Erfolgsserie in den zwanziger Jahren, die kurzen „Alice in Cartoonland“-Episoden, waren insoweit revolutionär, als dass er echte Schauspielerinnen für die Hauptrolle engagierte, ihre Filmaufnahmen aber in gezeichnete Hintergründe neben animierten, anderen Figuren einsetzen ließ. Der Effekt ist aus heutiger Sicht verstörend, weil wir uns längst an einen reibungslosen Übergang von Realität und Animation auf der Leinwand gewöhnt haben. Die Ästhetik der „Alice“-Reihe wirkt mittlerweile krude, und Disney selbst beendete sie, als seine Mitarbeiter geschult genug waren, um auch gezeichnete Hauptfiguren charaktervoll genug zu gestalten. Und sie sich so bewegen zu lassen, dass sie eine aus der wirklichen Welt vertraute Lebendigkeit ausstrahlten. Das filmhistorische Schlagwort dafür lautet „Illusion of Life“.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nähme man es wörtlich, dann wäre mit dem aktuell im Kino laufenden Remake des Disneyfilms „Der König der Löwen“ ein Höhepunkt erreicht. Man kann kaum noch sehen, dass es sich um tricktechnisch erzeugte Tiere handelt, und hätten die Computeranimatoren es anders gewollt, hätten wir es gar nicht mehr gesehen. Bei „Toy Story 4“, der jetzt mit einigen Wochen Verzögerung gegenüber der amerikanischen Premiere in die deutschen Kinos gelangt ist, weil man dem „König der Löwen“ noch mehr Zuschauerpotential zubilligte, wollten die Animatoren es anders. Die „Illusion of Life“ darin ist tatsächlich perfekt. Allerdings nur bei den Hintergünden, die derart fotorealistisch computergezeichnet sind, dass man sich fragt, warum man sich überhaupt noch die Mühe gemacht hat, die Wirklichkeit zu imitieren; abfilmen wäre billiger gewesen und hätte nicht anders ausgesehen. Wir wären dann nach knapp hundert Jahren bei der Umkehrung des „Alice“-Prinzips angelangt: Denn vor den enttäuschend echt aussehenden Hintergründen in „Toy Story“ agieren erkennbar gezeichnete Trickfiguren – erkennbar schon deshalb, weil es sich um eines der berühmtesten Kino-Ensembles überhaupt handelt: die Spielzeugtruppe aus den ersten drei Teilen von „Toy Story“.

          Es wird viel geklagt über die Einfallslosigkeit von Hollywood, das pausenlos Fortsetzungen von Erfolgsfilmen hervorbringt, aber im Pixar-Studio hat man sich mit seinem Flaggschiff ziemlich viel Zeit gelassen. Der erste Teil kam 1995 heraus, und seit „Toy Story 3“ sind auch schon wieder neun Jahre vergangen. Der hatte über die Weitergabe der Spielzeugfiguren an ein neues Kind einen logischen Abschluss des Ganzen suggeriert, aber eine Milliardeneinnahme, wie sie der dritte Teil erzielte, lässt selbst bei Pixar, das als inhaltlich anspruchsvollstes amerikanisches Trickfilmstudio gilt, die eigenen Ansprüche zurücktreten. Zumal es natürlich eine erzählerische Herausforderung war, etwas Beendetes doch noch fortzusetzen.

          Das ist gut gelungen, wenn es auch nichts Überraschendes gibt. Wieder zieht Cowboy Woody, Primus inter Pares der Spielzeuge, zur Rettung eines Mitglieds der Gruppe aus, diesmal einer neu hinzugekommenen zusammengebastelten Figur namens Forky, die sich selbst als Müll versteht und nicht als Spielzeug. Solche Identitätsprobleme waren stets zentraler Aspekt der „Toy Story“-Geschichten, und dass Woody seine alte Liebe Bo Peep wiedertrifft, die er schon in Teil eins verloren hatte, zeigt, wie sicher die Autoren über das Material des ganzen Zyklus verfügt haben. Der war übrigens immer das besondere Lieblingskind des Pixar-Gründers John Lasseter, der das Studio wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung verlassen musste. Nun sieht man plötzlich anders auf niedliche Figuren, die sich als abgründig erweisen. Oder auf eine abgründige Figur wie diesmal die Puppe Gabby Gabby, die sich zuletzt als Freundin erweist. Lasseter hat die Handlung von „Toy Story 4“ noch mit entworfen. So seelenschön der Trickfilm auch geworden ist: Wenn’s am echtesten ist, sollte man in diesem Genre aufhören.

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